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Keine Altersgruppe ist vor Schlaganfall gefeit

Telefonaktion Keine Altersgruppe ist vor Schlaganfall gefeit

Anderthalb Stunden lang standen die drei Experten am Lesertelefon parat, um Fragen zum Schlaganfall zu beantworten. Lesen Sie hier einige Auszüge aus den Gesprächen, die sie führten.

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Schlaganfälle können jeden treffen.

Quelle: Wolfgang Thieme

Kiel. Anruferin: Mein Mann hat einen langjährigen Diabetes. Nach dem Aufstehen ist sein Blutzucker ja niedrig, und dann kann er schlecht sehen. Sobald er etwas gegessen hat, steigt der Wert, den misst er ja, und er kann wieder gut sehen. Aber jetzt ist es schon zweimal passiert, dass die Sehstörungen blieben, obwohl die Blutzuckerwerte längst wieder gut waren. Ist das ein Alarmsignal?

 Dr. Wolfgang Lotz: Sehstörungen können ein früher Hinweis auf einen drohenden Schlaganfall sein. Ich rate Ihnen, einen Facharzt für Neurologie aufzusuchen, um die Ursache abzuklären. Sollten Sehstörungen akut auftreten, ist es grundsätzlich besser, die 112 anzurufen. Selbst wenn diese schon wieder rückläufig sein sollten. Denn das Risiko ist sehr hoch, dass in den Tagen oder Wochen danach ein Schlaganfall auftritt. Das Gleiche gilt für Gangstörungen, Lähmungen, Sprachstörungen und Sensibilitätsstörungen.

 Anrufer: Was kann ich tun, um möglichst keinen Schlaganfall zu bekommen? Kann ich mit Blutverdünnern vorbeugen?

 Dr. Johannes Meyne: Nein. Blutverdünner sollte man nur nehmen, wenn eine Arteriosklerose oder eine koronare Herzkrankheit oder die Schaufensterkrankheit bestehen oder der Arzt die Medikamente explizit verordnet. Wichtig ist: Bewegen, bewegen, bewegen. Für Menschen, die sich nicht bewegen, ist das Risiko doppelt so hoch wie für Menschen, die mindestens zweimal wöchentlich moderaten Sport von je 30 Minuten treiben. Nicht rauchen, weil Rauchen die Gefäße schädigt. Sich vernünftig ernähren und die Blutfette im Rahmen der von der Krankenkasse bezahlten Check-up-Untersuchungen beim Hausarzt kontrollieren lassen. Beim Diabetes ist die Einstellung des Blutzuckers wichtig. Der wichtigste Risikofaktor ist der Bluthochdruck. Medikamente sind wichtig, aber nur einer von vielen Bausteinen. Der Blutdruck sollte unter 140/90 mmHg sein. Der diastolische, also der untere Wert, der den Grundtonus der Gefäße angibt, korreliert stark mit einem Risiko für Schlaganfälle.

 Wenn ich also gesund lebe und alles richtig mache, kann ich dann sicher einen Schlaganfall ausschließen?

 Meyne: Nein, weil es auch nicht beeinflussbare Risikofaktoren gibt. Zu denen gehören Alter und männliches Geschlecht, aber auch angeborene Gerinnungsstörungen und angeborene Neigung zu Schlaganfällen und Gefäßerkrankungen. Es gibt keine Altersgruppe, die davor gefeit ist. Das Risiko beginnt im Kindesalter. Wir sehen auch immer wieder Kinder und Jugendliche mit Schlaganfällen.

 Anruferin: Mein Lebensgefährte ist 50 und hatte schon zwei Schlaganfälle, beide verursacht durch eine fibromuskuläre Dysplasie. Einmal löste sich ein Teil der Gefäßinnenwand in der linken, beim zweiten Mal in der rechten Halsschlagader. Uns wurde gesagt, es gebe keine Therapie dagegen. Kann man da inzwischen doch etwas machen? Die Krankheit ist natürlich sehr selten, aber ich frage, weil es eine ganz schöne Belastung ist, immer mit dieser Angst zu leben.

 PD Dr. Christian Riedel: Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Weil diese Erkrankung unheimlich ist. Ursache ist eine genetische Anlage, durch die, salopp gesprochen, der Kleber zwischen den Gewebeschichten der Halsschlagadern nicht so gut ist. Haft- und Bindegewebe der Halsarterien (Arteria carotis) sind sehr spezifisch, es gibt keine Tabletten zur Prophylaxe, man kann auch kein Fremdmaterial einbringen. Die Krankheit ist nicht so selten, wie Sie meinen, sie ist eine sehr häufige Ursache für Schlaganfälle bei 20-, 30-jährigen, vorwiegend schlanken, hochgewachsenen jungen Leuten. Typisches Symptom ist ein einseitiger Schmerz im Hals, von dort in den Kopf ziehend. Die Standard-Therapie ist die Heparinisierung der Patienten. Unter Heparin legt sich die Gefäßwand wieder an, und die Dissektion heilt häufig aus. Was Sie und Ihren Lebensgefährten vielleicht tröstet: Bei ihm ist die langstreckige Dissektion beider Carotiden vermutlich narbig abgeheilt und ein erneuter Einriss daher unwahrscheinlich.

 Anrufer: Ich bin wegen neurologischer Symptome von meinem Hausarzt zur MRT geschickt worden. Dort fand man mehrere Narben in meinem Kopf, von kleineren Schlaganfällen. Kann ich die noch reparieren? Durch Medikamente?

 PD Dr. Christian Riedel: Nein, diese Narben können nicht behoben werden. Sie sind aber Hinweise, dass Sie und Ihr Arzt unbedingt verhindern müssen, dass es zu neuen Schlaganfällen kommt. Man muss die Ursache finden, in den Halsschlagadern oder eine Embolie-Quelle im Herzen. Falls es eine solche Ursache gibt, muss man sie ausschalten.

 Anruferin: Ich habe manchmal so eine plötzliche Taubheit auf einem Ohr und auf dem rechten seit zwei Jahren einen Tinnitus. Muss ich mir jetzt Sorgen machen, als Nächstes einen Schlaganfall zu bekommen?

 Meyne: Da kann ich Sie beruhigen. Hörstörungen, Tinnitus und Hörsturz gehören typischerweise nicht zu den Vorboten eines Schlaganfalls.

 Anruferin: Meine Mutter lag einige Stunden auf dem Fußboden ihres Badezimmers, bevor ich sie dort fand. Sie klagte über starken Durst, ich habe ihr etwas zu trinken gegeben, sie in eine Decke gehüllt und die 112 gewählt. War das richtig so?

 Dr. Wolfgang Lotz: Hatte Ihre Mutter einen Schlaganfall?

 Nein, wie sich im Krankenhaus herausstellte. Vermutlich ist sie umgeknickt und kam allein nicht mehr auf die Beine.

 Lotz: Dann haben Sie alles richtig gemacht. Wäre es ein Schlaganfall gewesen, hätten Sie weder zu trinken noch zu essen geben dürfen. Schlaganfallpatienten können sich sehr leicht verschlucken und an Getränke- oder Nahrungsbestandteilen ersticken, wenn diese in die Lunge gelangen.

 Aufgezeichnet von Christian Trutschel

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