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Auch Männer können Brustkrebs haben

Telefonaktion Krebs Auch Männer können Brustkrebs haben

So weit das Feld der Krebserkrankungen ist, so breit gefächert waren die Leserfragen, die am Montag den drei Experten vom UKSH Kiel gestellt wurden. Lesen Sie hier einige Auszüge.

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Wissenschaftler und Tumor, Symbolfoto

Quelle: imago stock&people

Kiel. Anrufer: Ich bin 78 Jahre alt, wurde am 10. Juni 2015 wegen eines Leydigzell-Tumors am rechten Hoden operiert, erst mit dem Da-Vinci-System, aber drei Tage später doch mit großem Bauchschnitt. Ein Lymphknoten war befallen. Am 25. Mai 2016 wurde dann ein weiterer Tumor-Lymphknoten aus der rechten Leiste operiert, und im Januar sagte mir nun mein Arzt nach einer MRT-Untersuchung, man könne nichts mehr machen, weder Bestrahlung noch Chemotherapie, und eine OP würde ich nicht mehr überstehen. Was kann ich noch tun?

Prof. Dr. Dr. Michael Kneba: Der Leydigzell-Tumor ist ein sehr seltener Hodentumor, der, wenn er metastasiert, schwierig zu behandeln ist. Es stimmt, dass dieser Tumor nicht sehr empfindlich auf Chemo- und Strahlentherapie reagiert. Ich biete Ihnen an, dass ich mir Ihre Befunde ansehe, um Ihnen dann Genaueres zu sagen.

Anrufer: Das ist sehr freundlich von Ihnen, das Angebot nehme ich gerne an.

Anrufer: Vor zwei Wochen wurde ich am Dickdarm operiert, ein Tumor wurde vollständig entfernt, die Befunde hat mein Hausarzt noch nicht. Wegen der Krebserkrankung habe ich nun psychische Probleme. Ich möchte meine Familie, die sehr wichtig ist für mich, damit aber nicht so belasten. Deshalb habe ich versucht, einen Termin beim niedergelassenen Psychotherapeuten zu bekommen und dabei erfahren, dass die Wartezeiten zehn bis zwölf Monate sind. Was soll ich denn nun machen?

Kneba: Zunächst muss man abwarten, wie die Befunde nach der Darm-OP aussehen, die Ihr Hausarzt bekommen wird, und die er dann mit Ihnen besprechen wird. Abhängig davon ist die weitere Therapie. Manchmal muss man keine weitere machen. Was die Psychotherapie angeht: Jeder Patient, der an einem von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Organkrebszentrum behandelt wird und operiert wurde, hat das Recht, zügig eine psychoonkologische Beratung zu bekommen. Das Zentrum muss diese Beratung dem Patienten anbieten und dies auch dokumentieren. Diese Beratung ist keine Dauerbehandlung, aber man kann Ihnen helfen, eine solche zu finden. Sowohl das UKSH als auch das Städtische Krankenhaus in Kiel haben so ein Darmkrebszentrum.

Anruferin: Sie haben mich vor anderthalb Jahren operiert, und ich wollte mich vor allem bei Ihnen und dem ganzen Team bedanken. Ich hatte Speiseröhrenkrebs, und Sie haben eine neue Speiseröhre rekonstruiert. Ich kann wieder gut essen und habe im Alltag keine Beeinträchtigungen. Und dann noch eine Frage: Kommt das eigentlich häufig vor?

Prof. Dr. Jan-Hendrik Egberts: Erst einmal herzlichen Dank, das freut mich sehr, und ich werde Ihren Dank ans Team weitergeben. Adenokarzinome in der Speiseröhre bilden mittlerweile die sechsthäufigste unter den Tumorerkrankungen des Bauchraumes und nehmen stark zu. Häufig sind es Patienten, die jahrelang saures Aufstoßen hatten. Aber auch zunehmenden Stress und zunehmendes Übergewicht in der Bevölkerung, das sich in einem Wohlstandsbauch zeigt, zählen wir zu den Ursachen. Wenn Speiseröhrenkrebs spät entdeckt wird und der Tumor durchgebrochen ist, rekonstruieren wir die Speiseröhre mit körpereigenem Material, verkürzen diese und schließen sie an den hochgezogenen Magen an. Es ist eine große, gefährliche OP, wenn sie nicht in einem gut trainierten Team gemacht wird, da man zuerst in der Bauchhöhle und dann in der Brusthöhle operiert. Man braucht Endoskopie, Intensivmedizin – deshalb sollte diese Operation optimalerweise in großen Zentren vorgenommen werden.

Anrufer: Sie haben mich vor zwei Jahren wegen Speiseröhrenkrebs mit dem Da-Vinci-System operiert, und ich wollte Ihnen sagen, dass es ganz toll geworden ist, und mich auf diesem Wege bedanken.

Egberts: Da freue ich mich, vielen herzlichen Dank. Haben Sie denn wieder Ihr altes Gewicht erreicht?

Anrufer: Ich wollte gar nicht wieder so viel wiegen wie vor der OP. Ich bin jetzt ein bisschen leichter. Ich kann mittags schon fast wieder normal essen und nehme drei bis vier Mahlzeiten am Tag ein, abends nur eine kleine. Ich war jetzt zur Biopsie, und die zeigte nur eine Minimalentzündung an der Stelle, wo Sie damals meinen Magen hochgezogen und an meine Speiseröhre getackert haben. Aber das wird gut behandelt und ist wohl nicht schlimm, oder?.

Egberts. Nein, da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Alles Gute für Sie.

Anrufer: Ich habe in meiner Brust einen Knoten ertastet, der da letztes Jahr noch nicht war. Zu welchem Arzt kann ich denn damit gehen? Ich habe schon überlegt, ob ich den früheren Frauenarzt meiner verstorbenen Frau ansprechen soll.

Prof. Dr. Nicolai Maass: Ja, Sie können zum Frauenarzt gehen oder zu einem niedergelassenen Radiologen, oder Sie stellen sich in einem Brustzentrum einer Klinik vor. Sie müssen das unbedingt abklären lassen, dieser Knoten hat dort nichts zu suchen. Etwa ein Prozent aller Mamma-Karzinome treten bei Männern auf. Fast immer ist es ein genetisch bedingter Tumor, und es gibt meistens mehrere Frauen in der Familie des Mannes, die Brustkrebs hatten oder haben. Das Problem beim männlichen Mamma-Karzinom ist: Es wird zu häufig nicht oder zu spät entdeckt. Die Behandlung ist fast die gleiche wie beim Brustkrebs der Frau: Gabe von Anti-Hormonen, Chemotherapie, OP, nur entfernen wir beim Mann, anders als bei der Frau, fast vollständig die Brustdrüsen. Männer müssen, wenn sie eine Verhärtung feststellen, einfach daran denken, dass es auch ein Tumor sein könnte. Wenn es ein Tumor ist, dann müssen, falls der Betreffende Töchter hat, diese in ein engmaschiges Vorsorgeprogramm kommen.

Anruferin: Ich bin 45 und habe vor Kurzem die Diagnose Brustkrebs in beiden Brüsten erhalten. Wie hoch ist das Risiko für meine Tochter, auch an Brustkrebs zu erkranken?

Maass: 80 bis 90 Prozent der Brust-Tumoren sind sporadische, also nicht genetische Tumoren. An genetische Tumoren muss man immer denken, wenn drei oder mehr Frauen egal welchen Alters in der Familie Brustkrebs hatten oder haben. Oder wenn bei zwei Frauen in der Familie Brustkrebs vor den Wechseljahren aufgetreten ist. Oder wenn ein Mann in der Familie Brustkrebs hatte oder hat. Oder wenn Brustkrebs bei unter 35-Jährigen auftritt oder Tumore in beiden Brüsten auftreten. In all diesen Fällen bieten wir eine genetische Testung an. Wird ein Gendefekt gefunden, bedeutet das für die Angehörigen, dass sie ein bis zu 80-prozentiges Risiko tragen, auch an Brustkrebs zu erkranken. Sie kennen sicher das prominente Beispiel der Schauspielerin Angelina Jolie: Für sie bestand dieses Risiko, und sie hat sich aus diesem Grund vorsorglich ihre Brüste abnehmen lassen.

Anrufer: In unserem Bekanntenkreis hat ein Kind Leukämie, und nun machen wir uns auch Gedanken darum, dass ja auch unser Kind Blutkrebs bekommen könnte, wie wir das erkennen könnten, und ob wir Vorsorge betreiben sollen.

Kneba: Es gibt keine Vorsorge. Leukämien sind spontane, zufällige Erkrankungen, wenn man nicht gerade radioaktiver Strahlung ausgesetzt war. Kinder und Erwachsene mit Krebserkrankungen des Blutes, die etwa fünf Prozent aller Tumorerkrankungen ausmachen, fallen auf durch Blässe, Schlappheit, Müdigkeit, Infekte, die ungewöhnlich lange dauern, weil die Abwehrzellen fehlen, blaue Flecken und Blutungen, weil zu wenige Blutplättchen im Blut sind. Wichtig zu wissen, ist: Etwa die Hälfte der Leukämie-Patienten haben kein leukämisches Blutbild, keine erhöhten Leukozyten.

Anruferin: Ich bin 80 Jahre alt, war 2005 zum ersten Mal bei einer Darmspiegelung. Damals wurden zwei Polypen, zweieinhalb und vier Zentimeter groß, entfernt. Danach bin ich alle fünf Jahre zur Darmspiegelung gegangen, zuletzt 2015, da wurde auch wieder ein Polyp herausgenommen. Reicht das, alle fünf Jahre zur Früherkennungsuntersuchung zu gehen?

Kneba: Ja, ich denke, das reicht. Gut, dass Sie hingehen – 90 Prozent der Dickdarm-Tumoren könnten nämlich durch Früherkennungsuntersuchungen vermieden werden. Dickdarm-Tumoren entstehen fast immer aus Polypen, die im Innern des Darms wachsen. Wenn sie nicht früh entdeckt und entfernt werden, können sie aus der Darmschleimhaut in die Darmwand wachsen, dann darmnahe Lymphknoten befallen und von dort aus Anschluss bekommen an Blutgefäße. Diese Tumoren streuen primär in die Leber. Diese gefährlich Entwicklung lässt sich dadurch vermeiden, dass die Polypen bei einer Darmspiegelung früh entdeckt und entfernt werden. Die entfernten Polypen sieht man sich unter dem Mikroskop an. Es gibt gutartige und weniger gutartige. Je nachdem, welcher Typ es ist, legt der behandelnde Arzt das Untersuchungsintervall fest: jedes Jahr, alle zwei Jahre, alle fünf Jahre, wie bei Ihnen, oder auch länger.

Anruferin: Ich hatte, als ich 40 war, ein Lymphom, wurde gut behandelt, bin jetzt 46 und gesund. Nun habe ich aber neuerdings klimakterische Beschwerden, die mich sehr belasten. Mein Frauenarzt hat mir Hormone verschrieben, aber mein Onkologe hat dringend davon abgeraten, weil das eine Tumor-Neubildung fördern könnte. Was meinen Sie?

Kneba: Diese Gefahr besteht bei Lymphomen und den meisten soliden malignen Tumoren nicht. Sie sollten die Hormone nehmen.

Anrufer: Ich bin jetzt 65 Jahre alt, gehe seit Jahren regelmäßig zur Vorsorge. Ist das eigentlich noch nötig? Wenn alte Leute Krebs bekommen, wächst er doch sehr langsam, habe ich gelesen.

Maass: Alter ist der größte Risikofaktor für Krebserkrankungen. Es ist falsch, sich zu sagen, ich bin 60, danach passiert sowieso nichts mehr, also brauche ich keine Früherkennungsuntersuchungen mehr vornehmen zu lassen, ob für Darmtumoren, Hauttumoren, Prostatatumoren oder Brusttumoren. Gehen Sie weiter zur Früherkennung. Die Häufigkeit, an Krebs zu erkranken, insbesondere an Brustkrebs, steigt mit dem Alter. Ein verlangsamtes Wachstum, das gilt auch für Eierstockkrebs, ist im Alter nicht zu erwarten.

Aufgezeichnet von Christian Trutschel

Krebs-Experten vom UKSH Kiel am Redaktionstelefon: Prof. Dr. Dr. Michael Kneba, Direktor der Klinik für Innere Medizin II, Prof. Dr. Nicolai Maass, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Prof. Dr. Jan-Hendrik Egberts, stellv. Direktor der Klinik für Allgemeine, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie sowie Leiter der Sektion Thoraxchirurgie

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