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Von Störchen, Hexenbergen, Sängerfesten und Ritterburgen

KN- & SZ-Leserreise vom 23.-30. Mai 2012 Von Störchen, Hexenbergen, Sängerfesten und Ritterburgen

32 Leser „erfahren“ auf einer 1.941 km langen Rundreise die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen

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Die Leserreisegruppe am Denkmal von Gustav Ernesaks, Komponist und Wegbereiter der Singenden Revolution von 1988, auf dem Sängerfeld in Tallinn.

Quelle: Jutta Glietz

Riga.. Riga. Der Storch ist im Baltikum allgegenwärtig. Er ist Wappentier, Dekoobjekt, schaut in Großstädten durchaus einmal von Plakaten auf den Betrachter herunter und als unsere Reisegruppe von Riga aus in die Weiten des Landes aufbricht, sehen wir unzählige Exemplare dieses Vogels leibhaftig. In kleineren Dörfern beobachten wir ihn in Nestern auf Häuserdächern, Kaminschloten oder hohen Masten beim Brüten. Wir erspähen ihn über endlosen Feldern, wie er elegant durch die Lüfte gleitet oder auf Beutefang im Gras steht. Das südlichste der baltischen Länder, Litauen, hat den Storch gar zum Nationalvogel erhoben. 200 kg oder sogar mehr wiegt ein Storchennest, erfahren unsere Leserinnen und Leser von Reiseleiterin Tereza. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die elektrischen Überlandleitungen häufig Störungen unterliegen, wie Tereza erzählt, wenn ein so schweres Nest auf einem Strommast gebaut wird. Die Nester müssen dann umgesetzt werden. Der Storch ist nicht nur in der Natur gegenwärtig, auch in baltische Märchen und Erzählungen hat er Einzug gehalten. Auf dem Hexenberg bei Juodkrante auf der Kurischen Nehrung erfahren die Leser von der Geschichte, wie die Störche einst ausblieben und die Fruchtbarkeit in der Region versiegte. Es musste erst Frösche vom Himmel regnen,.damit die Störche wiederkehrten und die Fruchtbarkeit zurückbrachten. Lokale Künstler haben diese und andere Sagen und Märchen in über 80 Holzskulpturen verarbeitet und an einem Rundweg auf dem Hexenberg aufgestellt. Unsere Gruppe bestaunt diese bei einem Spaziergang auf den Berg, der seinen Namen deshalb trägt, weil die Holzskulpturen überwiegend die Hexen, Teufel und Fabelwesen zeigen, die es laut den alten Legenden in der Gegend umtreibt.

Neben den Werken der Skulpturenkünstler erleben die Leserinnen und Leser auf dieser Reise baltische Sangeskünstler live auf der Bühne. Dass Singen im Allgemeinen und Sängerfeste im Besonderen im Baltikum eine mehr als hundertjährige Tradition haben, erfährt die Gruppe bereits in Tallinn und besucht das dortige Sängerfeld und die Bühne, wo zuletzt 2009 das estnische Sängerfest mit über 30.000 Teilnehmern ausgetragen wurde, bei einer Einwohnerzahl von 1,3 Mio. Bürgern in Estland immerhin ca. 2% der Bevölkerung. Allein die muschelförmige Bühne fasst die beeindruckende Zahl von 15.000 Chorsängern. Diese ist zur Zeit unseres Besuchs allerdings leer. Wie ein Lied, geschmettert aus 15.000 Kehlen, klingt, muss jeder Besucher seiner Fantasie überlassen. Das nächste Sängerfest findet erst wieder 2014 statt. Wir lernen aber, dass wir auf historischem Boden stehen. Denn von hier aus startete 1988 die friedliche „Singende Revolution“, als erstmals viele Tausend Esten auf dem Sängerfeld ihre politischen Forderungen zu Gehör brachten und patriotische Lieder in estnischer Sprache sangen, was zu jener Zeit eigentlich verboten war. Dies führte in letzter Konsequenz 1991 zur estnischen Unabhängigkeit. In Vilnius, der Hauptstadt Litauens, und etwas später in Kaunas bekommt die Gruppe schließlich Gelegenheit, einheimischen Musikern und Sängern zu lauschen, denn dort finden gerade kleinere Sängerfeste statt. Traditionelle Weisen und modernere Stücke, gesungen in litauischer Sprache, wechseln einander ab. Die Anmoderation der Stücke verstehen wir nicht, doch der muntere Tanz vor der Bühne zeigt unseren Lesern, dass die Musik bei Jung und Alt gut ankommt. Auch uns geht der Takt ins Blut.

Ist schon die Stadt Tallinn mit ihrer gut erhaltenen Stadtmauer und den Wehrtürmen sowie kleinen Gassen im Stadtkern besonders mittelalterlich geprägt, so finden sich in den baltischen Ländern immer wieder Burgruinen und alte, gut erhaltene oder wieder instand gesetzte Festungen und Ritterburgen aus dem Mittelalter. Als wir den restaurierten Turm der Ritterburg und Bischofssitz von Turaida in Lettland besteigen, bekommen wir von Reiseleiterin Tereza eine besondere Aufgabe gestellt: Stufen zählen bei der Turmbesteigung. Denn deutsche Gäste würden bei so einer Gelegenheit immer die Stufen zählen, habe sie gelernt. Wer behauptet, er habe die Stufen nicht gezählt, war auch nicht auf dem Turm. Also los: Ab durch die schmalen Treppenaufgänge und bloß nicht verzählen. 138 Stufen sind es bis in die oberste Aussichtsebene. Wir werden mit einer wunderbaren Aussicht auf die alte Burganlage und einen weiten Blick bis zum Horizont belohnt. Als besonderer Höhepunkt auf der Strecke durch Litauen präsentiert sich unseren Lesern die idyllisch mitten in einem See gelegene Wasserburg von Trakai. Die Burg war in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wegen ihrer Lage von großer strategischer Bedeutung. Betritt man das Innere der Burganlage, macht man eine kleine Zeitreise. Die gut rekonstruierten Gewölbe und Gebäude, bei Ausgrabungen gefundene Gegenstände und Nachbildungen von Alltagsszenerien versetzen unsere Leser in das Mittelalter zurück, als Großfürst Vytautas mit seiner Leibgarde aus Karäern, türkischen Siedlern von der Krim, hier herrschte. Zurück in die Gegenwart kommen wir erst, als uns am Ausgang der Burganlage Nachfahrinnen jener Karäer für wenige Münzen „Kibinai“, eine Art Fleischpastete und karäisches Nationalgericht, aus ihren mitgebrachten Styropor-Warmhalteboxen zum Kauf anbieten.  

Nach 1.941 km und drei Ländern heißt es: „Paldies“ und „Uz redzēšanos“,  auf lettisch  „Danke“ und „Auf Wiedersehen“. Und wer weiß: Vielleicht machen wir es wie der Storch und kehren nach einer Überwinterung ins Baltikum zurück…

 Jutta Glietz

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