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Kiel Ein Job für einen Tag
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06:00 11.10.2018
Von Franziska Martin
Um 6.15 Uhr hält ein kleiner Lkw in Gaarden direkt neben den wartenden Männern. Alle drei steigen ein, und das Fahrzeug braust davon. Ein in der Morgendämmerung aufgenommenes Amateurfoto zeigt das, was Experten den Arbeiterstrich nennen. Quelle: Privat
Kiel

Dienstagmorgen, es ist kurz nach 6 Uhr. Drei Männer stehen im Stadtteil Gaarden an der Kreuzung zwischen Iltisstraße und Kirchenweg. Es ist dunkel und kalt, sie stehen zusammen, einer zündet sich eine Zigarette an. Um 6.15 Uhr hält plötzlich ein kleiner Lkw mit Plöner Kennzeichen direkt neben ihnen. Alle drei steigen ein, und das Fahrzeug braust davon. Selber Ort, selbe Zeit einen Tag danach: Wieder kommt der Transporter, diesmal wartet er eine Weile: Einer der Männer holt sich noch einen Kaffee vom Kiosk gegenüber. Er trägt Arbeitskleidung und einen Werkzeuggürtel. Dann fährt der Wagen in Richtung Preetzer Straße los.

Vorwiegend Männer aus osteuropäischen Ländern

Was auf den ersten Blick wie eine gut funktionierende Fahrgemeinschaft wirkt, nennt Adrian Stoica von der Kieler Beratungsstelle ArbeitnehmerfreizügigkeitArbeiterstrich“. Stoica arbeitet seit fünf Monaten als Projektleiter in der Einrichtung. Vom Arbeiterstrich erfuhr er durch Berichte eines Klienten, dessen Beschreibungen sich auch mit dem beobachteten Szenario am Dienstagmorgen decken. Nach Stoicas Darstellung funktioniert der Arbeiterstrich so: Frühmorgens gegen 6 Uhr stellen sich Menschen, vorwiegend Männer aus osteuropäischen Ländern, an die Straße und warten darauf, dass jemand sie mitnimmt und sie für einen Tag oder zwei beschäftigt. Das Geld gebe es am Ende des Tages bar auf die Hand, sagt Stoica. Zu wem sie einsteigen und was sie den Tag über arbeiten, wissen die Männer im Voraus meistens nicht. Im Prinzip seien sie Tagelöhner – ohne Rechte und ohne Versicherung. „Sie arbeiten schwarz. 90 Prozent der Männer, die sich hier auf den Arbeiterstrich stellen, sind Bulgaren“, sagt Stoica.

Zeuge beobachtet das Vorgehen seit Monaten

Ein Mann, der vor dem Kiosk in Gaarden steht, bestätigt den Ablauf: „Das machen die hier schon seit Monaten so. Meistens holen Baufirmen die Männer ab.“ Manchmal seien es sechs, manchmal nur drei, die an der Kreuzung stehen und darauf warten, abgeholt zu werden. „Naivität und Geldnot sind für die meisten die Beweggründe, um nach Deutschland zu kommen und sich hier mit Schwarzarbeit ihr Geld zu verdienen“, sagt Stoica. Auch in Neumünster soll es einen Arbeiterstrich geben, in Großstädten wie Hamburg, München und Köln wurde ebenfalls über das Phänomen berichtet. Dagegen sei der Arbeiterstrich in Kiel vergleichsweise klein, sagt Stoica.

Gewerkschaftsbund fordert Maßnahmen

Für Frank Hornschu vom Deutschen Gewerkschaftsbund sind die Vorgänge auf dem Ostufer nichts Neues. „Selbstverständlich ist uns das Phänomen bekannt.“ Er fordert, dass gegen diese Praxis etwas unternommen wird. „Es ist Aufgabe der Exekutive, also dem Zoll, der Finanzkontrolle Schwarzarbeit, der Steuerfahndung, der Berufsgenossenschaften und des staatlichen Arbeitsschutzes, dieser Illegalität adäquat und konsequent entgegenzutreten.“ Dabei sieht er vor allem von Seiten der Politik Versäumnisse: „Immer wieder haben wir die Politik darauf aufmerksam gemacht, dass diese Einrichtungen personell, materiell und finanziell besser ausgestattet werden müssen, damit sie ihre Ordnungs- und Schutzfunktion tatsächlich erfüllen können.“ Der Stadt Kiel ist so ein Phänomen allerdings nicht bekannt, sagt Pressesprecher Arne Gloy. Auch Claus-Peter Minkwitz, Sprecher des Hauptzollamts Kiel, sagt: „Es liegen keine Erkenntnisse über einen Arbeiterstrich vor.“

In Gaarden gibt es inzwischen viele bulgarische Cafés. Eins davon ist laut Stocia der Ort, an dem sich Männer treffen, die auch auf dem Arbeiterstrich ihr Geld verdienen. Wer sie vor Ort anspricht, stößt auf eine Mauer des Schweigens. „Davon wissen wir nichts“, sagt ein älterer Mann. Das Geschäft mit dem Arbeiterstrich bliebt im Kiel im Verborgenen.

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