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Kiel Streit um den alten Begriff „Mohr“
Kiel Streit um den alten Begriff „Mohr“
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10:00 06.03.2018
Von Martina Drexler
Aminata Touré (Grüne) bei einer Rede im Landtag: Die 25-Jährige, in Neumünster geboren und aufgewachsen, setzt sich dafür ein, die Kolonialgeschichte Deutschlands stärker als bisher kritisch aufzuarbeiten. Dem Kieler Gastwirt billigt sie zwar zu, sein Restaurant „Zum Mohrenkopf“ zu nennen – „aber man darf sich dann über Kritik nicht wundern“. Quelle: eis - Thomas Eisenkrätzer
Kiel

 Wie finden Sie den Frankfurter Vorstoß zur Namensänderung?

Ich finde den Vorschlag gut. Es gibt viele Organisationen und Verbände von schwarzen Deutschen, die sich mit der Umbenennung auseinandersetzen. So gelang es in Berlin, das Gröbenufer, benannt nach einem Befürworter und Beförderer des Sklavenhandels, in das May-Ayim-Ufer, eine schwarze deutsche Dichterin und Aktivistin, zu benennen. Dadurch entstehen unter anderem Debatten in der Gesellschaft über die fehlende kritische Aufarbeitung deutscher Beteiligung am Kolonialismus.

Den Mohren tragen viele Apotheken und Gasthäuser im Namen aber als positiv gemeinten Hinweis auf die Heilkunst der Mauren oder gute Küche. Was stört Sie daran?

Das ist eine Romantisierung des Begriffes, zumindest in der jüngeren Verwendung des Begriffes. Ich habe neben Politik- auch Sprachwissenschaften studiert. Sprache drückt auch immer etwas aus. Anderes Beispiel: „Neger“ bedeutet lateinisch auch nur schwarz, aber man muss Begriffe im geschichtlichen Kontext sehen. In der Zeit, als Deutschland sich an der Kolonialausbeutung Afrikas beteiligt hat, dienten sie als abwertende Bezeichnungen für Menschen mit dunkler Hautfarbe. Deshalb nochmal: Bei Begriffen wie „Mohr“ oder „Neger“ geht es um eine Fremdbezeichnung, die zum Ziel hatte und nach wie vor hat, schwarze Menschen zu Menschen zweiter Klasse zu degradieren, als „niedere Rasse“.

Ein Kieler Gastwirt mit afrikanischen Wurzeln wünscht sich mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Begriff. Er hat sogar sein Lokal „Zum Mohrenkopf“ benannt.

Es steht ihm zu, sein Restaurant so zu benennen, genau so wie der Apotheker. Aber man darf sich dann nicht über Kritik wundern. Der Restaurantbesitzer ist nicht repräsentativ für alle schwarzen Menschen. Schließlich gibt es etliche Initiativen und Verbände von schwarzen Menschen, die für eine Umbenennung eintreten, weil sie damit eine Diskriminierung verbinden. Das ist für mich viel mehr eine Stellvertretung als eine Einzelperson, und auf die berufe ich mich auch.


Kann denn eine Namensänderung überhaupt etwas gegen Rassismus bewirken?

Eine Umbenennung löst zwar nicht das strukturelle Problem, aber es wäre einer der vielen Mosaiksteine im Kampf gegen Rassismus. Es gibt so viele andere Aspekte: Für mich ist ein wichtiger Aspekt zum Beispiel die Debatte darüber, wer eigentlich deutsch ist und wer nicht. Viele Menschen mit Migrationshintergrund haben einen deutschen Pass und leben hier seit jeher, und ihnen wird dennoch abgesprochen Teil der Gesellschaft zu sein. Weil sie einen nicht typischen deutschen Namen tragen, weil sie eine dunkle Hautfarbe haben.

Sie sind in Neumünster aufgewachsen. Haben Sie denn persönliche Erfahrungen mit diesen Begriffen?

Ja, natürlich. Wenn man hier als schwarzes Kind aufwächst wie ich, passiert es schon, plötzlich im Bus als „Negerin“ beschimpft zu werden. Heute bin ich Landtagsabgeordnete in einem deutschen Parlament. Dennoch erlebe ich, dass Menschen mich beleidigen, mir sagen, dass ich nicht-deutsch bin. Ich spreche nicht nur von mir, solche rassistischen Anfeindungen betreffen viele Schwarze in jeder Lebensphase. Noch mal, das ist kein einzelnes, sondern ein strukturelles Problem. Die Vereinten Nationen haben erst 2017 berichtet, dass Menschen afrika- nischer Abstammung in Deutschland unter massiver Diskriminierung leiden. Auch die mangelnde Aufarbeitung der Kolonialgeschichte Deutschlands wird in dem Rahmen kritisiert.


Wo sehen Sie als Sprecherin der Grünen gegen Rassismus die besten Handlungsansätze, in Schleswig-Holstein gegen Rassismus vorzugehen?

Im Koalitionsvertrag steht, dass wir einen Aktionsplan gegen Rassismus auf den Weg bringen werden. Ich gehörte ja zu den Verhandlerinnen. Ich will eine breite gesellschaftliche Debatte in Schleswig-Holstein darüber anstoßen. Deutschland kann sehr stolz auf seine Erinnerungs- und Aufarbeitungskultur zum Zweiten Weltkrieg sein. Das gilt aber nicht vollends für die Verbrechen im Kolonialismus. Gerade jetzt, wo sich rechtsextreme Bewegungen mobilisieren, ist es extrem wichtig, auch dieses Kapitel der deutschen Geschichte kritisch aufzuarbeiten. Geschichte ist da, um aus ihr zu lernen und die Fehler nicht zu wiederholen.

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