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Kiel Als der Krieg nicht nach Kiel kam
Kiel Als der Krieg nicht nach Kiel kam
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08:00 22.01.2017
Von Karen Schwenke
Die Ausstellung im Flandernbunker wurde organisiert von Kai Clausen (li.), Stephanie Brix und Jens Rönnau. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Sie war damals zwar die größte, aber eben nur eine von 16 größeren und zahlreichen kleineren Befestigungskasernen und Versorgungsanlagen rund um die Förde. Diese aufwendige und am Ende sinnlose Sicherung des Reichskriegshafens Kiel wird im Flandernbunker in einer kleinen Ausstellung unter dem Titel „Heimatfront“ thematisiert.

Für die Ausstellungsmacher ist das die zentrale Botschaft: An der Förde wurde zwar enorm aufgerüstet, es wurden auch erhebliche finanzielle Mittel in den Schutz Kiels als Reichskriegshafen gesteckt, aber es gab während des gesamten Ersten Weltkrieges keinen einzigen Angriff auf die Stadt. 

Für zahlreiche Zeitgenossen lag darin eine Tragik. Auch für Joachim Ringelnatz. Kriegsbegeistert wie viele andere hatte er sich freiwillig zur Marine gemeldet. Er stieg zum Reserveoffizier auf und wurde unter anderem nach Kiel beordert. Zu seiner Enttäuschung durfte er an keiner Schlacht teilnehmen, obwohl er sich mehrfach freiwillig an die Front meldete, dies sogar in einem Brief an Kaiser Wilhelm II.. Zehn Jahre später veröffentlichte er das Buch „Als Mariner im Krieg“. Darin beschreibt er das Drama der Soldaten in Kiel. Neben dem täglichen Drill litten sie unter Kälte, Nässe, Hunger, Krankheiten und unter der Abwesenheit des Krieges. Ringelnatz: „In Friedrichsort wurden wir in der Festung in den alten, kalten, gewölbten Kasematten untergebracht. Bootsmann Stahlhut kam mit mir und 18 Mann zusammen in einen Raum. Die Leute mussten zum Teil in Hängematten schlafen.“ Und Ringelnatz klagt weiter: „Auch die Zahmsten unter uns murrten allmählich über die schwere Arbeit, die wir bei abscheulicher Behandlung und mangelhafter Beköstigung verrichten mußten.“

In der jahrhundertealten Festung Friedrichsort gab es diese Situation nur, weil bereits Jahre zuvor der Kaiser Kiel zum Reichskriegshafen ernannt hatte. Das veränderte die Stadt grundlegend. Mit den Werften kam die Industrialisierung und Kiel wuchs. Aus der Kleinstadt wurde eine Großstadt, aus Dörfern Stadtteile. „Direkt neben der Festung Friedrichsort hatte sich das industrielle Zentrum gebildet, angefangen mit einem Minenarsenal bis hin zur Torpedofabrik. Das alles zeigt, wie die Rüstung eine Eigendynamik entwickelte“, schildert Kai Clausen, Vorsitzender des Vereins der Freunde der Festung Friedrichsort. Dagegen konzentrierte sich die Befestigung der Stadt nicht auf einen Ort: Es gab ein ganzes System von Festungsanlagen, besetzt mit Kanonen und Soldaten: Forts, Batterien und Redouten zogen sich entlang der Stadt von Westen nach Osten, sogar über Laboe hinaus. 

„Auch ohne Kriegsgeschehen gab es in Kiel ein unglaubliches Maß an militärischen Aktivitäten, bis hin zur Marinefliegerei. Es hat sogar Flakstellungen gegeben, obwohl es noch keinen Luftkrieg gegeben hat“, ist Ausstellungsgestalterin Stephanie Brix beeindruckt. Die Pioniere der Fliegerei seien auf dem Nordmarksportfeld und in Holtenau aktiv gewesen, berichtet Jens Rönnau, Vereinsvorsitzender von Mahnmal Kielian. Auf einem Ausstellungsbild ist ein Exemplar einer Fliegerbombe zu sehen: 1000 Kilogramm schwer, konstruiert in Kiel. „Im ersten Weltkrieg gab es keine größeren Bomben“, stellt Ausstellungsmacher Rönnau in Relation. 

„Erstaunlich ist, dass man im letzten Kriegsjahr wie irre aufgerüstet hat, gegen eine fiktive Bedrohung, obwohl es ja ganz andere Sorgen gab“, wirft Clausen ein. „Zwar war nicht völlig abwegig, dass Kiel als Reichskriegshafen angegriffen werden könnte. Aber in der Ostsee gab es keine feindliche Flotte: Die Belte waren durch die Dänen gesperrt, der Zugang für die Russen vermint.“ Warum trotz dieser Erkenntnis weiter aufgerüstet wurde, kann Brix erklären: „Wenn man selbst etwas entwickelt, und die Kieler haben hier ja durchaus die Fliegerei vorangebracht, zu sehen an der Santa Elena einem Flugzeugträgerschiff, geht man ja davon aus, dass andere, sei es durch Spionage oder durch parallele Entwicklungen, auch dazu in der Lage sind.“

Trotz aller dieser Bemühungen um Schutz und Stärke kam mit dem Ende des Krieges auch das Ende für Festungsanlagen und Kriegsindustrie: Gemäß dem Versailler Vertrag wurden in Kiel 33 größere Werke und schwere Batterien sowie viele kleinere Stellungen bis 1921 demontiert. In der Ausstellung liegen einige der gelben Steine, die wohl einst zur Festung Friedrichsort gehörten. Ganz unglücklich waren die Kieler über den Abbau der Festungen übrigens nicht, wie Rönnau berichtet. Sie konnten die Baumaterialen, vor allem Millionen Ziegel, nutzen. Für den dringend benötigten Wohnungsbau.

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