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Gary's Tanz Tempel muss schließen

Behinderte sind traurig Gary's Tanz Tempel muss schließen

Seit fast vier Jahrzehnten ruft der Kieler Kult-DJ Gary Mangels (71) seine Fans zum Tanz, ausdrücklich „auch mit Behinderung“. Jetzt sind viele traurig. Sie wissen, dass ihr Idol seine Disco schließen muss. Ein Investor will dort Neues bauen. Gary hat alles versucht: „Die haben uns rausgeklagt."

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Rouven Haidke (20, li.) und DJ Gary Mangels singen noch einmal aus voller Kehle bei der Disco für Behinderte und Nichtbehinderte in "Gary's Tanz Tempel" mit. Damit ist nun bald Schluss.  

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Es ist dunkel, kalt und menschenleer. Nur vor „Gary’s Tanz Tempel“ in der Rendsburger Landstraße wird die Schlange der Wartenden immer länger. Einige tragen eine Nikolausmütze. „Bald ist heilige Nacht“, singen sie sich warm. Rouven Haidke (24) war gefühlt als erster da und belagert nun den Platz am Eingang. Jeden Monat fährt Großvater Rolf Koettlitz (77) seinen geistig behinderten Enkel hierher. Der checkt nun immer öfter auf seinem iPhone die Uhrzeit und drückt sich die Nase platt an der Scheibe.

Die Disco ist das Highlight seines Lebens. Ohne Eintritt, mit einem Softdrink zum halben Preis und Musik von AC/DC bis zu Helene Fischer ist sein Glück perfekt. Tagsüber arbeitet er im Handwerkerhof Fecit und fertigt dort Klapperkugeln aus Ton an, geschlafen wird zu Hause in Gettorf. Seine drei Geschwister witzeln oft: „Er ist Tontechniker“. Das wäre er wohl tatsächlich gerne – bei seinem Freund Gary, vor dessen Mischpult er seinen Stammplatz hat. Dort hopst er im Takt, reißt die Arme hoch und singt aus voller Kehle „Marmor, Stein und Eisen bricht...“. Genau wie Gary selbst.

Michael Wiedenmann (48) ist sogar aus Flensburg per Bahn mit dem Rollstuhl angereist. Er sieht den beiden Frauen zu, die am Rand schwofen. Eine ist Christina Vollbrecht (40). Seit dem 9. Lebensjahr ist sie nach einem Gehirnaneurisma einseitig gelähmt, dennoch schmeißt sie den Haushalt für sich, Tochter und Ehemann. Als Marianne Rosenberg „Wir sind unzertrennlich“ schmettert, stiebt sie zur Tanzfläche. „Es ist toll wie immer“, ruft sie, „ich komm zu Gary, seit ich 14 bin“. Für solche Begeisterung tut Gary einfach alles. „Das ist für mich das Wichtigste – zu sehen, dass die Freude da ist“. Kopfzerbrechen bereitet ihm nur, was nun aus der Disco wird. Seine Diskothek „Zwack“ am Alten Markt sei einfach zu klein, aber „ich lass mir eventuell noch etwas einfallen“, sagt er geheimnisvoll.

„Die legen sofort den Schalter um“, freut sich auch Rouvens Opa Rolf Koettlitz über die Begeisterungsfähigkeit der jungen Leute. Vor der Rente war er im Arbeitsamt für die berufliche Rehabilitation von Behinderten zuständig. Er war es auch, der Gary 2011 für den Integrationspreis des Sozialverbandes Schleswig-Holstein vorgeschlagen hatte, den der Discjockey dann auch prompt bekam. Im Tanz Tempel ist jetzt nur noch einmal Disco, am 8. Januar. „Dann sehen wir mal weiter“, sagt Gary versöhnlich.

Hier sehen sie Bilder aus Gary's Tanz Tempel.

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Ein Artikel von
Susanne Blechschmidt
Lokalredaktion Kiel/SH

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