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Kiel „Ich bin ein Einzelgänger mit klarem Kopf"
Kiel „Ich bin ein Einzelgänger mit klarem Kopf"
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20:00 08.01.2017
Von Karina Dreyer
Seit ein paar Monaten lebt Bernhard (60) in einem Kieler Park. Unter den Folien bewahrt er Isomatten, Decken und Folien auf, die ihn nachts warm halten. Quelle: Karina Dreyer
Kiel

Der 60-Jährige liegt im Clinch mit dem System unserer Gesellschaft, hat daraus seine Konsequenzen gezogen – und ziehen müssen. Geht man im Park spazieren, trifft man Bernhard, wenn er auf der Bank sitzt, die Leute und die Natur beobachtet oder wenn er mit seinem prall gefüllten Rucksack unterwegs ist, um heißes Wasser zu organisieren. Er ist sehr freundlich und philosophiert gerne. „Ich denke nach, und das ist ja nichts anderes“, erklärt er. Es ist ein wenig anstrengend, ihm zuzuhören, denn er hat eine Menge erlebt, weiß ganz viel und teilt das auch mit. Es fällt jedoch manchmal schwer, zu glauben, dass ein Leben so ungerecht sein kann.

Mit der Liebe ist das so eine Sache

In Moers (Nordrhein-Westfalen) ist Bernhard aufgewachsen, hat ein paar Klassen übersprungen und häufig die Schule gewechselt. Eine Art mittlere Reife hat er gemacht, als Krankenpfleger, in einer Arztpraxis, auf dem Recyclinghof und „alles mögliche andere auch“ gearbeitet. Bei der Marine auf Sylt leistete er seinen Wehrdienst. Aus gesundheitlichen Gründen wurde er nicht übernommen. „Das Gesundheitswesen hat mich nie wirklich verstanden“, sagt er. Er war sogar mal verheiratet, angeblich soll er auch ein Kind haben. Sicher ist er sich da nicht, aber mit der Liebe ist das eh so eine Sache. „Mit der Frau, die man wirklich liebt, will man nicht zusammen sein, weil man Angst hat, sie zu verlieren“, ist seine Theorie.

30 Mal ist er umgezogen

Nach einem „Schlaganfall oder Burn-out, wie sie es nennen“, landete er in der Psychiatrie. Für ihn sei es aber eine Nahtod-Erfahrung gewesen, die ihn intensiver hat leben lassen. 30 Mal ist er umgezogen, konnte nie bleiben, am liebsten war er unterwegs, um die Natur zu begreifen, „die die Menschen so kaputt machen“. Gehaust habe er auf Friedhöfen, in Heimen für Obdachlose oder in Räumen der Stadtmission. Der nächtliche Unterschlupf in den städtischen Containern bedeutet für ihn aber nur, sich der Gewalt auszusetzen, das sei ihm zu gefährlich. Überall sei er beklaut worden, auch sein Gebiss habe jemand genommen. Für ihn bedeutet das, dass er nichts Hartes mehr essen kann. Er hat ganz viel geschrieben und gezeichnet – alles weg. Ebenso seine Papiere. Immer wieder habe er auf die Missstände hingewiesen, habe sich mit Behörden angelegt und viel prozessiert. Bernhard gegen den Rest der Welt? „Ein bisschen wie James Bond. Ich sehe eben genau hin und greife ein“, antwortet er und lächelt verschmitzt dabei.

Seit ein paar Monaten lebt er in einem Kieler Park und hat es sich auf einer Bank eingerichtet. Von einer Plane eingehüllt sind sechs Isomatten, Decken und zwei Schlafsäcke, die ihn nachts wie zwei Jacken und zwei Pullover auf der Bank „wie die Prinzessin auf der Erbse“ warm halten. Darüber legt er eine Plastikplane, um sich vor der Nässe zu schützen. Die Kälte im Gesicht „die spürst du nicht mehr, wenn du schläfst“. Auch die Dunkelheit ist kein Problem, „denn so dunkel ist es draußen gar nicht“.

"Ich bin extrem zeitlos"

Alkohol trinke er nicht, auch Drogen seien nichts für ihn. „Ich bin ein Einzelgänger mit klarem Kopf, und den will ich behalten“, betont er. Bernhard freut sich, wenn man ihm was vorbeibringt: Weiches Essen, Taschenlampen oder ein bisschen Geld für Tabak. Er hat sogar ein Handy, um erreichbar zu sein, allerdings ohne Guthaben. Die meisten Leute im Park sind nett zu ihm, über sie erfährt er viel vom Geschehen in diesem „sich widersprechenden System“. Manchmal hat er Gelegenheit zu duschen, „doch wenn man sich nicht schmutzig macht, braucht man das nicht so häufig“, erklärt er. Auf die Frage, was er den ganzen Tag so macht, antwortet er: „Ich bin extrem zeitlos und warte im Grunde genommen nur auf den Tod.“

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