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Kiel „Deutschland braucht Stempelverbot“
Kiel „Deutschland braucht Stempelverbot“
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17:23 03.02.2017
Von Fatima Krumm
FDP-Chef Christian Lindner (links) und Dr. Burton Lee sprachen in der CAU über Gründerkultur in Deutschland und Amerika. Quelle: Frank Peter
Ravensberg

Von so vielen Zuhörern können manche Dozenten nur träumen. Der Dozent für Entrepreneurship und Innovation aus dem Silicon Valley lehrt an der Stanford University, berät Regierungen und Unternehmen. Die Friedrich-Naumann-Stiftung lud die prominenten Redner zur Abschlussveranstaltung der Gründerreihe "Kiel, be innovative" ein.

Nach kurzer Präsidentenkritik („An American, giving you Ratschläge nach Einweihung von Trump, but America can learn from Deutschland“) kam Lee gleich zur Sache. Was in Deutschland alles falsch laufe bezüglich der Unternehmensgründungen, legte er in einem Mix aus Deutsch und Englisch ohne Umschweife dar.

Die Mauer muss weg

Die deutsche Unternehmenskultur mit ihrer behäbigen Verwaltung, Schwere und Geschlossenheit erinnere an massives Granit. Der amerikanische Unternehmensansatz hingegen gleiche Strand und Sand, „so fluid und leicht“ gehe es dort zu. Verschwimmen sollte Lees’ Meinung nach auch die Trennung zwischen technischer, theoretischer, praktischer und angewandter Informatik. „Da darf keine Mauer zwischen sein!“ Vielmehr sollten sie zusammengefasst im täglichen Leben eines jeden eine Rolle spielen. So schlägt der Dozent aus Amerika vor, dass alle Schüler – die Köpfe der Zukunft – programmieren lernen. „Die bisherige Industrie 4.0 ist zwar notwendig, aber nicht ausreichend für wirtschaftliches Wachstum, Arbeitsplatzbeschaffung und globale Wettbewerbsfähigkeit“, bringt Lee es auf den Punkt. Software und Daten seien für jegliche Industrie wichtig. Das Wort „Digitalisierung“ bezeichnet Lee deshalb als „Unwort des Jahrhunderts“.

Unis für die Wirtschaft öffnen

Ein weiterer fundamentaler Unterschied zu den USA liegt nach Lee in der Rolle der Hochschulen. „Universitäten können als Antrieb der Wirtschaft fungieren.“ In Deutschland haben sie auf die Wirtschaft bezogen jedoch eine Außenseiterposition. Die Strukturen, um Studenten zu befähigen und zu ermutigen, ins Unternehmertum einzusteigen, fehlten hierzulande. Ebenso fehlt ihm die Vermischung der Disziplinen. „Die Geisteswissenschaften sind eine riesige Ressource“, sagt Lee. Statt kategorisch sollte mehr interdisziplinär gedacht und gearbeitet werden.

Mit seinen direkten Thesen und Vorschlägen zur Gründerkultur begeisterte Lee das Publikum. Um die Hürden der Unternehmerkultur auf einen Blick zusammenzufassen, zeigt Lee ein deutsches Stempelkarussell. „Deutschland braucht Stempelverbot“, um Deutschland nach vorne zu bringen. Applaus für den Amerikaner.

Christian Lindner stimmt Lees Thesen zu. „Niemand braucht Angst davor haben, wenn sich die Hochschulen der Wirtschaft öffnen“, sagt der FDP-Vorsitzende. „Wir brauchen in Deutschland einen Aufbruchsgeist. Das Umfeld ist entscheidend, warum unternehmerische Wagnisse zurückgehen“, sagt Lindner. Mit dem Umfeld meint er die fehlenden Finanzierungsmöglichkeiten zu fairen Bedingungen, die Hürden aus Bürokratie, die Möglichkeit, auch mal scheitern zu dürfen. „Niemand wird ermutigt, wenn ihm bei Erfolg der Neid sicher ist und beim Scheitern die Häme“, kritisiert der FDP-Vorsitzende. Diese Worte sprach Lindner schon vor zwei Jahren im Landtag Nordrhein-Westfalens und landete damit einen Youtube-Hit.

Unternehmen statt unterlassen

Lindner, der sich selbst als Experte des Scheiterns bezeichnet, gründete zweimal in seinem Leben ein Unternehmen. „Einmal erfolgreich, einmal lehrreich“, wie er süffisant resümiert. „Nur wer probiert, kann etwas schaffen. Wir brauchen mehr Mut. Die Selbstständigkeit soll keine Entscheidung aus Verlegenheit sein“, sagt Lindner. Er bemängelt, dass ein Drittel aller Absolventen in den öffentlichen Dienst wolle. Zum Mut gehöre auch, mal „ etwas dicht zu machen“ und neue Wege zum Ziel zu wählen. Gleiches habe er mit der FDP vor. Die Kritik an der Gründerkultur überträgt Lindner allgemein auf die Politik. „Man muss mal was unternehmen, statt nur zu unterlassen.“

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