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Kiel Ein Fall schlägt hohe Wellen
Kiel Ein Fall schlägt hohe Wellen
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08:48 24.04.2018
Von Marco Nehmer
Claudia Lass hat eine Debatte zum Stillen in der Öffentlichkeit in Gang gesetzt, die derzeit Bürger und Politik in Kiel bewegt. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Am Mittwochnachmittag schaltet sich der Sophienhof in die Debatte um das Stillen ein. "Wir finden es gut, dass dieses gesellschaftliche Thema diskutiert wird und auf diese Weise die nötige Aufmerksamkeit erhält", heißt es in einem über Facebook verbreiteten Kommentar, der einer KN-Nachfrage folgt. "Falls sich ein Mitarbeiter unseres Sicherheitsdienstes in der Vergangenheit nicht korrekt verhalten haben sollte, möchten wir uns dafür entschuldigen." Die Stellungnahme war nötig geworden ob der rollenden Welle, losgetreten vom Fall um Claudia Lass. Sie wurde beim Versuch, ihrer Tochter die Brust zu geben, mehrfach abgewiesen, musste eine Bäckerei, später ein Café im Sophienhof verlassen.

Die Geschichte ruft ein großes Echo hervor – auch die Politik steigt mit ein. Die Kieler SPD bezieht noch am Dienstag Stellung. Annika Schütt, Anna-Lena Walczak, Jannick Schultz, Moritz Koitka und Benjamin Raschke, allesamt junge oder werdende Eltern, verbreiten eine Mitteilung: "Dass von Seiten einiger Café-Inhaber oder Sicherheitspersonal mit Unverständnis und Ablehnung reagiert wird, wenn eine Frau ihr Kind füttern muss, können wir nicht nachvollziehen. Hier geht es doch um das Grundbedürfnis eines kleinen Menschen und um seine Gesundheit."

Gesellschaftliches Leben müsse auch mit einem zu stillenden Kind möglich sein – eine Haltung, die Anklang findet. "Dass Stillen in der Öffentlichkeit überhaupt noch diskutiert wird, ist eigentlich unglaublich. Ein völlig natürlicher Vorgang, von dem doch niemand gestört wird", schreibt Grünen-Landeschefin Ann-Kathrin Tranziska auf der Facebookseite der Kieler Nachrichten. Ein Grundbedürfnis, völlig natürlich – das ist es für manche offenbar nicht. Viele Mütter berichten von ähnlichen Erfahrungen.

"Was für eine Scheinheiligkeit"

Das diskrete Entblößen der Brust zum Stillen, für das es keine rechtliche Regelung gibt, löst bisweilen Schamgefühle aus. Gleichzeitig ist die nackte Haut in Werbung und Popkultur eine conditio sine qua non – ohne geht nichts. "Was für eine Scheinheiligkeit", schreibt Jan Christoph Kersig bei Facebook. Der Geschäftsführer von Kersig Immobilien hat den KN-Artikel im sozialen Netzwerk geteilt. "Ich kann die jungen Mütter nur ermutigen, sich nicht in Ecken verschieben zu lassen."

Ecken, wie es sie vielerorts gibt. Abgelegene Räume, oft nur ein Stuhl. Das Stillen als Stigma? Im Sophienhof gibt es einen solchen Platz, einen Stillsessel im Wickelraum. Der erfährt bei den Facebook-Nutzern überwiegend Ablehnung: häufig kaputt, oft besetzt. Und: Wer will sein Kind schon neben einer Toilette stillen? Ortsbesuch, wir dürfen eintreten. Katrin Bolte sitzt im Sessel, füttert ihren vier Monate alten Sohn Jonas. "Ich finde es eigentlich okay", sagt sie. "Trotzdem ist es schade, dass es nichts anderes gibt."

SPD will familienfreundlichen Stadtplan und mehr Stillräume

Facebook-Nutzerin Sue Rose schreibt: "In anderen Ländern gibt es an jeder Ecke Stillräume, die auch gut genutzt werden." Die SPD-Kandidaten wollen nun reagieren. "Wir setzen uns für die Erstellung eines familienfreundlichen Stadtplans ein", erklären sie, die sich auch um Stillräume in öffentlichen Gebäuden bemühen wollen. Walczak rief am Mittwoch bereits dazu auf, stillfreundliche Cafés und Geschäfte zu nennen.

Die, die stillende Mütter abweisen, sind für CDU-Ratsfraktionschef Stefan Kruber indes keine Option mehr: "Ein Restaurant, das so vorgeht, wirbt darum, nicht von mir als Kunde heimgesucht zu werden." Melanie Boeck will sich und anderen das Stillen hingegen nicht verbieten lassen: "Liebe Kielerinnen, traut euch trotzdem in die Gastronomie."

Das tut auch Claudia Lass wieder. Sie, die den Stein ins Rollen brachte, staunt über die Reaktionen: "Da hätte ich im Leben nicht mit gerechnet." Beim Fototermin lernt sie Katrin Bolte kennen. Die beiden Mütter verstehen sich auf Anhieb – und gehen gemeinsam ins Café.

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