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Kiel Der Charme des Unverpackten
Kiel Der Charme des Unverpackten
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00:29 10.01.2015
Von Tanja Köhler
Vor einem Jahr hat Marie Delaperrière das Lebensmittelgeschäft "Unverpackt" in der Waitzstraße in Kiel eröffnet. Nun zieht sie in einen größeren Laden am Kronshagener Weg. Quelle: Sonja Paar
Kiel

Schätzungen zufolge landen jährlich zwischen sechs und 26 Millionen Tonnen Kunststoff im Meer – der Großteil davon stammt von Plastikverpackungen und -tüten. Um diese Menge zu reduzieren, hat Marie Delaperrière im Februar 2014 ein einzigartiges Lebensmittelgeschäft in Kiel eröffnet. Alle Waren werden hier lose, also ohne Verpackung, verkauft.

 Ein wenig erinnert das Konzept an die Tante-Emma-Läden von früher: Saisonales Obst und Gemüse liegen bei Marie Delaperrière gut sortiert neben den Eiern, die Zapfsäulen mit Müsli, Kaffeebohnen und Süßigkeiten sind bis zum Rand gefüllt. Nur die Vielfalt des Sortiments macht deutlich, dass hier ein altes Geschäftsmodell in die Zukunft übertragen wurde. Denn neben Quinoa, Cranberries und Zedernnüssen finden sich hier auch zahlreiche Öle, Spirituosen, Wasch- und Putzmittel im Sortiment. Manch älterer Kunde fühlt sich in dem Geschäft an seine Kindheit erinnert. Schulklassen, Studenten und junge Familien hingegen kommen voller Neugier in den Laden. Ihnen ist das Einkaufen von losen Produkten noch fremd. Eines verbindet sie allerdings: Sie wollen bewusst leben – unabhängig vom Einkommen, Alter und Lebensstil. Nachhaltigkeit liegt im Trend.

Schätzungen zufolge landen jährlich zwischen sechs und 26 Millionen Tonnen Kunststoff im Meer – der Großteil davon ist Plastik. Um den Müll zu reduzieren, hat Marie Delaperrière ein einzigartiges Lebensmittelgeschäft in Kiel eröffnet. Bei „unverpackt“ werden alle Produkte lose verkauft.

 Eine Vielzahl der Produkte stammt deshalb auch aus der Region. „Sofern es möglich ist, achte ich darauf, dass die Ware einen kurzen Anlieferungsweg hat“, sagt die Geschäftsfrau mit Blick auf die Ökobilanz. Bio müsse die Ware nicht zwingend sein – für das Siegel müssten schließlich nur die Hersteller zahlen – dafür aber umweltverträglich. Das verlange schon der Zusatz des Geschäftsnamens: lose, nachhaltig, gut.

 Bis auf Fleisch gibt es bei Unverpackt eigentlich alles, was man für den täglichen Bedarf braucht. Nur keine Plastiktüten. Darauf legt die 40-Jährige großen Wert: „Mir ist es wichtig, keinen unnötigen Müll zu produzieren.“ Aus gutem Grund: Gelangen Plastik- und Kunststoffabfälle ins Wasser, kann sich das auf die menschliche Gesundheit auswirken. Wer bei Unverpackt einkaufen will, bringt zum Abfüllen deshalb Dosen, Gläser und Flaschen mit. Auch Plastikboxen sind erlaubt: „Die sind langlebig und deshalb nicht gleich Müll“, sagt Marie Delaperrière.

 Bei Unverpackt nimmt Nachhaltigkeit noch eine weitere Dimension an. Die Ware wird hier nicht in handelsüblichen Mengen verkauft: Der Kunde entscheidet, wie viel er von einem Produkt haben möchte. „Wenn er nur einen Esslöffel Walnüsse für ein Rezept braucht, bekommt er den bei mir. Wenn er 15 Kilo will, ist das auch kein Problem“, sagt Marie Delaperrière. Die Wahl zu haben, sei besser als Lebensmittel zu verschwenden.

 Die Idee zum Geschäft kam Marie Delaperrière Ende 2012. Eine Zeitung berichtete von einer Familie, die drei Jahre lang Müll vermeiden wollte. Inspiriert davon wagte sie den Selbstversuch – und scheiterte: „Es ist in Deutschland fast unmöglich, Lebensmittel unverpackt einzukaufen und den Müll zu reduzieren. Nahezu alle Produkte sind irgendwie verpackt.“ Damit abfinden wollte sie sich nicht – also arbeitete sie einen Businessplan aus, der überzeugte: Die Industrie- und Handelskammer Kiel verlieh ihr beim Gründer-Cup 2013 den Sonderpreis mit der Begründung, zwei wachsende Trends in einem Konzept zu vereinen: den zur Müllreduzierung und den zu qualitativ hochwertigen Produkten. „Das war der Moment, bei dem ich wusste, jetzt kann es richtig losgehen.“

 Seitdem hat sich viel getan: Marie Delaperrière hat knapp 150 neue Produkte in ihr Sortiment aufgenommen und viele Stammkunden hinzugewonnen. Deswegen steht nun auch eine räumliche Veränderung an: „Der Laden in der Waitzstraße bietet mir einfach nicht mehr die Möglichkeit, mein Sortiment ordentlich zu präsentieren.“ Ab 30./31. Januar ist Unverpackt deshalb im Kronshagener Weg 10 zu finden.

 Marie Delaperrières Idee von einem bewussteren Umgang mit Lebensmitteln und Müll findet mittlerweile deutschlandweit Zuspruch. „Ich werde regelmäßig zu Vorträgen und Workshops eingeladen und gefragt, ob ich andere Start-Ups beraten kann“, sagt die gebürtige Französin. Einen vergleichbaren Laden gibt es mittlerweile in Berlin, weitere könnten folgen: „Ich brauche dafür kein Franchise-System mehr aufbauen. Das Wichtigste ist doch, dass die Idee Blüten trägt.“

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