Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kiel Wie wichtig ist Rechtschreibung?
Kiel Wie wichtig ist Rechtschreibung?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:23 26.03.2015
Von Jürgen Küppers
„Am Stellenwert von Rechtschreibung wird sich nichts ändern“: Gabriele Knoop, Landesvorsitzende des Deutschlehrer-Fachverbandes, diskutierte mit ihren Kollegen die Folgen der neuen Rechtschreibbenotung. Quelle: Eisenkrätzer
Kiel

Obwohl Rechtschreibung bei der Zensierung von Aufsätzen weniger zählt, dürfe sich am Stellenwert von Sprachrichtigkeit nichts ändern. Über Wege dorthin entbrannte eine kontroverse Diskussion.

Seit Schuljahresbeginn gilt ein abgesenkter Fehlerquotient, der Rechtschreibfehler in Aufsätzen ins Verhältnis zur Wortanzahl setzt. Bislang galt in der Sekundarstufe II (ab zehnter Klasse): Die Note eins für Rechtschreibung erhielt, wer sich auf jeweils 200 Wörter höchstens einen Fehler erlaubte. Jetzt reicht für die Bestnote ein Fehler auf 150 Wörter. Die Note sechs erhielten früher Schüler mit einem Fehler auf durchschnittlich 32 Wörter oder weniger, nun gibt es ein Ungenügend für Rechtschreibung erst bei einem Fehler auf im Schnitt 19 Wörter oder weniger. Nach Berechnungen von Deutschlehrern bedeutet die Neuregelung, dass Rechtschreibung nun etwa zu einem Fünftel statt wie früher zu einem Viertel in die Gesamtnote für einen Aufsatz einfließe.

Das Schulministerium begründete die Absenkung mit einer Anpassung an die Praxis anderer Bundesländer – auch vor dem Hintergrund eines länderübergreifenden Abiturs. Zudem fördere das „undifferenzierte Zählen von Fehlern“ die Rechtschreibung von Schülern nicht. Zielführender sei die „analytische Betrachtung“ der Fehler inklusive ihrer Besprechung mit den Schülern. Außerdem müsse die Rechtschreibleistung individuell zur sprachlichen Ausdrucksfähigkeit ins Verhältnis gesetzt werden.

Aus Sicht der Landesvorsitzenden des Deutschlehrer-Fachverbandes, Gabriele Knoop, führt die Abschwächung der Fehlerbewertung in Klassen- und Abiturarbeiten zu dem „Fehlschluss“, dass Rechtschreibung und Zeichensetzung nun nicht mehr so wichtig sei. Die „verkürzte Diskussion“ verliere aus dem Blick, wie wichtig der Prozess des Schreibens, Überarbeitens und Überprüfens von eigenen Texten sei: „Viele Kollegen wissen aber nicht, wie sie in mittleren und oberen Klassenstufen noch gegensteuern sollen. Sie lassen dieses Feld angesichts vieler anderer Aufgaben im Deutschunterricht links liegen.“ Der Verband wünsche sich vom Ministerium mehr Unterstützung der Schulen zur Förderung dieser Grundfertigkeit. Ein Signal dazu könnten zusätzliche wöchentliche Schreibstunden, Lehrerfortbildungen oder wissenschaftlich begleitete Projekte zur individuellen Schreibförderung sein.

Der Landesvorsitzende des Philologenverbandes, Helmut Siegmon, befürchtet bei der Absenkung des Fehlerquotienten eine sinkende Bereitschaft der Schüler, sich anzustrengen: „Es muss ein mathematisches Verfahren der Fehlerzählung geben, das für Schüler eine klare Orientierung darstellt.“

Die Leiterin der Käthe-Kollwitz-Schule in Kiel, Susanne Schütz, hält eine Messlatte zur Erfassung von Rechtschreibleistungen für unerlässlich. „Ein Fehlerquotient allein verbessert zwar noch nicht die Leistungen, aber er gibt ein Signal an die Schüler.“ Wirklich helfen würde es, wenn Rechtschreibung auch in höheren Klassenstufen fest im Lehrplan verankert werde.

Großen Handlungsbedarf erkennt Olga Svenßon, die bei der Kieler IHK für Aus- und Fortbildung zuständig ist. In einer Umfrage der Kammer hätten 57 Prozent der Betriebe Mängel im schriftlichen Ausdrucksvermögen von Ausbildungsbewerbern moniert – fünf Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. „Lieber lassen viele Betriebe ihre Ausbildungsstellen unbesetzt, als Bewerber mit solchen Defiziten einzustellen.“ 31 Prozent der Unternehmen müssten Jugendliche aus eigener Kraft Nachhilfe erteilen. Das sei aber nur in großen Betrieben möglich.

Zu den Befürwortern der Neuregelung zählt der Vorsitzende des Landeselternbeirates für Gymnasien, Thomas Hillemann: „Die Absenkung des Fehlerquotienten ist nicht der Untergang des Abendlandes.“ Vielmehr schaffe sie ein Stück länderübergreifende Chancengleichheit bei der Bewertung von Abiturklausuren. Die Schulen seien gefordert, die Vermittlung von Rechtschreibleistungen weiter voranzubringen.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!