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Kiel Der Ort, an dem die Zukunft begann
Kiel Der Ort, an dem die Zukunft begann
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07:00 15.12.2016
Von Karen Schwenke
Nach zweieinhalb Jahren auf der Flucht kam Wahida Karimi (Mitte) mit ihren Kindern in das Flüchtlingslager auf dem Norder. Sechs Wochen später konnte sie – auch dank des Dolmetschers Reza Dehbashi (rechts) – ihre Söhne wieder in die Arme schließen. Quelle: Sven Janssen
Ravensberg

Für die insgesamt 5000 Bewohner aber war es der Ort, an dem für sie eine neue Zukunft begann. Der erste Platz nach langer Flucht, nach Terror und Leid, wo sie sich endlich sicher fühlen konnten. Hier wurden sie willkommen geheißen, man gab ihnen warmes Essen, ein Bett, Medizin, sorgte sich um ihre Kinder und ihre Zukunft. Für einige ist es aber auch der Ort größter Freude, denn hier fanden sie ihre Angehörigen wieder: Menschen, die sie auf der Flucht verloren und vielleicht sogar tot geglaubt hatten. Wahida Karimi (50) aus Afghanistan ist eine von ihnen.

 Zu Beginn ihrer Flucht hatte die Mutter ihren damals 14-jährigen Sohn Rafi verloren. Während der restlichen Familie die Flucht über die Grenze in den Iran gelang, wurde Rafi, der unter einer schweren Wirbelsäulenverkrümmung leidet, von Grenzpolizisten erwischt. Die Mutter wusste nicht, was mit ihm geschah, ob er noch lebt. Über zwei Jahre lang blieb sie im Ungewissen. Mit den drei jüngeren Kindern war sie aber weiter auf der Flucht. Als sie nach zweieinhalb Jahren zusammen auf dem Nordmarksportfeld in Kiel ankam, war Wahida Karimi völlig erschöpft. Sie hatte kaum noch die Kraft, etwas zu essen, dann brach sie zusammen. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht und musste dort einige Tage bleiben. Nach der ersten Notversorgung begab sich der DRK-Suchdienst auf die Suche nach dem verlorenen Sohn Rafi. So erzählt es die stellvertretende Leiterin der Landesunterkunft, Solveigh Deutschmann.

 Auch DRK-Helfer und Dolmetscher Reza Dehbashi erinnert sich noch genau an diese Szenen der Ankunft vor einem Jahr – so kurz vor Weihnachten. Genau wie seine 25 Kollegen vom DRK wird er heute den letzten Arbeitstag auf dem Nordmarksportfeld haben. Der 50-Jährige liebt seine Arbeit, liebt es Menschen zu helfen. Daher ist er froh, dass das DRK-Team auch über den Schließungstermin hinaus Flüchtlinge in Kiel betreuen wird, auch wenn der Arbeitsauftrag noch nicht genau formuliert ist. Für Reza Dehbashi zählt nur, dass er diese Menschen weiter unterstützen kann. Er fühlt sich ihnen sehr verbunden, denn er teilt ihr Schicksal. Als 17-Jähriger flüchtete er allein aus dem Iran. „Ich war Kindersoldat mit 16. Meine Eltern hatten Angst um mich und schickten mich nach Deutschland.“ Er integrierte sich schnell, studierte Elektrotechnik und arbeitete 18 Jahre lang bei Bayer in Kiel, dann machte er sich als Programmierer selbstständig und wollte eigentlich erst nur ehrenamtlich den Flüchtlingen helfen.

 Doch er habe gespürt, dass diese Aufgabe eine Art Bestimmung ist, gab seine Selbstständigkeit auf und arbeitet nun Vollzeit in der Einrichtung: „Ich muss das tun“, sagt er und legt seinen Arm fürsorglich um die kleine afghanische Frau Wahida Karimi. Sie trägt eine Brille und ein braunes Kopftuch. Das Schicksal hat sie sicht- und hörbar gezeichnet. Jeder Atemzug rasselt und sie holt einen ganzen Beutel mit Medikamenten aus ihrer Tasche, die sie in Kiel bekommen hat. Dann berichtet sie über den Tod ihres Ehemannes, der wegen seiner Arbeit für den afghanischen Geheimdienst von den Taliban erschossen wurde. Die Familie war damals zu Hause, der Vater schickte seine Kinder und die Ehefrau durch die Hintertür hinaus, als die Miliz kam. Er selbst hielt die Stellung, sagte er. In Wahrheit erwartete er den Tod und rettete so seine Familie.

 Wahida Karimi spricht gefasst. Erst als sie sich an ein Ereignis auf dem Nordmarksportfeld erinnert, steigen der zierlichen Frau und auch ihrem Dolmetscher Dehbashi Tränen in die Augen. Es war etwa sechs Wochen nach der Ankunft in Kiel, der Tag, als eine DRK-Mitarbeiterin aus einer Flüchtlingsunterkunft in München anrief. Sie hatte einen 16-jährigen Jungen namens Karimi neben sich, er wollte den Vornamen der Frau in Kiel hören, die Karimi hieß und ihren Sohn suchte. Dehbashi brachte Wahida Karimi das Telefon, als sie ihren Namen aussprach, brachen alle Dämme. Mutter und Sohn hatten sich endlich gefunden. Nach über zwei Jahren. Was sie sich auch alles zu erzählen hatten, am Telefon gab es keine Worte – nur schluchzen und weinen.

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