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Kiel Heiligabend ist „Großfriedenstag“
Kiel Heiligabend ist „Großfriedenstag“
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00:17 26.12.2013
Von Niklas Wieczorek
Weihnachtsgottesdienst in der Erlöserkirche: Joachim Kretschmar ist seit vier Jahren Pastor in der Claus-Harms-Gemeinde in Russee, Hasseldieksdamm und Hammer. Quelle: Nawe
Kiel

Schon einen Termin zu finden, war nicht einfach. „Können Sie nicht auch eher?“, fragte Joachim Kretschmar vor dem Treffen. Seit vier Jahren ist der 34-Jährige Pastor in der evangelischen Claus-Harms-Gemeinde in Kiel – und zum vierten Mal steht er Heiligabend vor der Gemeinde. Die besteht aus drei Kirchen in den Kieler Ortsteilen Russee, Hasseldieksdamm und Hammer. Kretschmar besucht sie am Festtag zum Familiengottesdienst, zur Christvesper und Christnacht. Wie es ihm damit geht? „Es fühlt sich an wie schöne Arbeit“, sagt er.

An Arbeit besteht kein Zweifel, wenn man Kretschmar in seiner Wohnung an der Erlöserkirche in Hasseldieksdamm besucht: Die ist modern eingerichtet, in Kretschmars Zimmer warten Laptop, Smartphone und Computer auf lange Arbeitstage – oder eher Nächte: „Ich bin ohnehin ein Nachtarbeiter“, sagt der Pastor, „vor Heiligabend muss ich mir den Wecker also dringender stellen.“

Natürlich kann er nicht genau bemessen, wie viel Zeit die Vorbereitung der einzelnen Gottesdienste genau erfordert. Man kann es nur erahnen: Gottesdienste und Abläufe müssen geplant, mit Kirchenmusikern gesprochen, Kirchen von der Küsterin vorbereitet und Liedblätter gedruckt werden. Kretschmar übernimmt selbst die Anfertigung der Gesangszettel, passend zu seinem modernen Auftritt.

„In vielen Berufen“, erklärt der Seelsorger, „läuft alles auf Heiligabend zu, das ist auch unser Großkampftag.“ Später berichtigt er sich grinsend: „Großfriedenstag“ habe er natürlich gemeint. Elf Gottesdienste feiert die Gemeinde mit ihren Krippenspielen insgesamt an Heiligabend. Kretschmars Friedenstag beginnt morgens, wenn er Gemeindemitglieder zu Hause besucht. Ab 14.30 Uhr laufen dann die Gottesdienste, zwischendurch liest er noch die Weihnachtsgeschichte im Servicehaus der Arbeiterwohlfahrt.

Überdies erforderten die Weihnachtsgottesdienste eine andere Vorbereitung als andere Kirchgänge. „Natürlich ist Heiligabend besonders, weil es für ganz viele der Gottesdienst des Jahres ist“, erklärt Kretschmar. Viele gehen ausschließlich am 24. Dezember in die Kirche. Ihn stört es nicht: „Ich freue mich auch über die, die nur Weihnachten kommen.“ Er plane die Gottesdienste nicht mit dem Ziel, die Besucher auch am 5. Januar wieder in die Kirche zu locken. Das sei eben keine „Kosten-Nutzen-Abwägung“.

Gerade weil „die Massen“ Heiligabend in die Kirche kommen, werde der Stress der Vorheiligabendzeit relativiert – wie bei privaten Feiern auch, meint Kretschmar. Und die feiert er auch noch. Zwischen Gottesdienst zwei und drei ist zu Hause Bescherung für seine dreijährige Tochter geplant. Aber seine Frau weiß um den Stress, den ihr Mann an diesem Tag hat: Sie ist frisch examinierte Vikarin und kennt die Materie.

Nicht so viele Besucher der Gottesdienste an Heiligabend. Daher sagt Kretschmar: „Die Botschaft soll ja auch rüberkommen. Ein Kind ist euch geboren, Gott wurde Mensch. Für viele ist es der krönende Höhepunkt des Jahres, aber für uns gleichzeitig ein schwieriges Fest. Denn bei dem, was wir behaupten, da gehen ja einige nicht mit.“ Er weiß er um die große Herausforderung der Weihnachtsgottesdienste: der Spagat zwischen Tradition und der immer neuen Auslegung einer altbekannten Geschichte.

Doch nachdem der Tag für ihn so „eng getaktet“ ist, hat er etwas Ruhe in Aussicht. Schon zur Christnacht um 23 Uhr kämen deutlich weniger Gäste. Die Feiern seien dann durch, die Stimmung gesetzt. Es folgt die Zeit nach dem „Gesamtkunstwerk“ Weihnachten, wie Kretschmar es nennt. Zunächst freut er sich aber auf die Heiligabend-Gottesdienste: Die alten Kirchenlieder seien „richtig gut, wenn sie so geschmettert werden“.

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