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Hörsaal wird zum Streiklager

Etwa 80 Studierende halten die Alte Mensa der Uni besetzt - Sogar Markthändler bringen Verpflegung vorbei Hörsaal wird zum Streiklager

„Herzlich willkommen - dieses Gebäude ist besetzt“ steht auf den Bannern, die mahnend im Wind flattern. In der Alten Mensa (Hebbelhörsaal) der Kieler Uni geht seit Ende des Bildungsstreiks am Mittwoch nichts mehr. Statt Vorlesungen zu folgen, bezogen Studenten im Hörsaal Quartier. Und so soll es vorerst auch bleiben. Ein Erfahrungsbericht.

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Kiel. Schlafsäcke, Iso-Matten und Kissen liegen auf Stufen herum. Manche trinken zur Stärkung Kaffee. Es war eine lange Nacht, die die rund 80 Studierenden hinter sich haben. Zeit zum Frühstück bleibt kaum, es gibt noch viel zu diskutieren: Welche Forderungen sollen wie formuliert werden? Kann Presse zugelassen werden? Wie soll die Verpflegung ablaufen? Keine Chance, diese Fragen im Vorfeld zu klären. Denn der Beschluss zur Hörsaal-Besetzung entstand spontan bei der Studenten-Vollversammlung am Mittwoch. Der Streik allein reiche nicht, die Hörsaal-Besetzung solle allen zeigen: Wir meinen es ernst mit unserem Protest.„Es brodelt in Deutschland, es ist die richtige Zeit, dass wir im Bildungssystem für Veränderungen kämpfen. Wenn nicht jetzt, wann dann?“, erklärt Insa (23, Bachelor-Studentin). Seit Mittwoch, 16 Uhr, sind die Studenten hier. Hier wollen sie auch übernachten, viele sogar bis zu einer Woche. Die Stimmung ist euphorisch, fast enthusiastisch. Es wird oft lange diskutiert, Basisdemokratie pur. Alle Entscheidungen sollen gemeinsam gefasst werden. Ein mitunter mühsamer, manchmal zäher Diskussionsprozess. Schließlich will alles gründlich bedacht und durchorganisiert sein. Aber keiner murrt.Viele von ihnen versäumen Vorlesungen oder Seminare. Aber das ist ihnen jetzt erst einmal egal. Den ganzen Abend über kommen Studenten in den Saal, um sich über aktuelle Entwicklungen zu informieren - bis in die Nacht gegen 2 Uhr. „Wir sind überrascht, dass so viele mitmachen und sich für unsere Ziele einsetzen. Das zeigt, wie dringend das jetzige System überdacht werden muss“, sagt Hanna (23). Um die Unterstützung des Uni-Präsidenten wüssten sie, er habe ihnen sogar eine „schöne Nacht“ gewünscht.Andererseits erklärt Uni-Präsident Gerhard Fouquet per Pressemitteilung: „Die Lage der Lehre ist keineswegs dramatisch.“ Eine Umfrage unter Bachelor-Studierenden habe ergeben: Etwa 75 Prozent seien mit der Lehrsituation und den Studienbedingungen insgesamt zufrieden. Dennoch geht Fouquet davon aus, dass weiterhin mit den Studierenden in Arbeitsgruppen Schwachstellen in Bachelor- und Masterstudiengängen identifiziert werden und Nachbesserungen erfolgen.Die Besetzer bekommen derweil auch Unterstützung von außerhalb: Eine ältere Dame hat Brötchen zum Frühstück gebracht und die Verkäufer vom Wochenmarkt Kartoffeln und Obst. „Sie solidarisieren sich mit uns, genau wie wir mit den Bachelor-Studenten, die unter dem verschulten System lernen müssen“, meint die Magisterstudentin Katia (23). Langwierige, aber notwendige Diskussionen und eine harte Nacht auf kaltem Hörsaalboden liegen hinter den Studenten. Doch gehen will keiner. Direkt nach dem Aufstehen folgt die Organisation der nächsten Plenumssitzung mit der Einteilung in Arbeitskreise und Formulierung von Forderungen. Stefanie (22) ist sicher: „Wir haben gute Chancen, etwas zu verändern.“Von Denise Carstensen

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