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Kiel Griechen unterm Baum
Kiel Griechen unterm Baum
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17:52 23.06.2015
Hille Norden hat sich mit den Griechen Maria und ihrem Freund unterhalten. Quelle: Clemens Steinberg
Kiel

Zehn Uhr morgens auf dem Playground, wir wollen die Bauzäune öffnen. Dahinter ein großer Baum mit tiefhängenden Zweigen. Die Frau und der Mann liegen mit dem Kopf zum Stamm. Aneinander gedrängt, auf Pappkartons, unter alten Decken, um sie herum Dreck und Zigarettenkippen. Ob sie einen Kaffee wollen? "Ja, sehr gerne, aber bitte mit Zucker", sagt die Frau.

Der dritte Tag an der Jungen Bühne Kiel begann traditionell mit einem evangelischen Sonntags-Gottesdienst. Am Abend wurde es dann wieder lauter bei Indie-Pop von Geisterfahrer und Bluesrock von The Infamous.

Mit zwei warmen Bechern komme ich zurück, setzte mich zu ihnen, frage ob sie mit mir reden möchten. Ob wir ein Foto machen können? Ja, gerne. Ich setze mich, sie schaut erschrocken. Greift dann sofort nach einer Decke mit Rosenbedruck, faltet sie. Darauf soll ich mich setzen.

Ihr Englisch ist gebrochen, sie fragt, ob ich Spanisch kann. Ich zeige ihr meinen letzten Vokabeltest, eine Fünf- aber für ein bisschen reicht es. Sie kommen aus Griechenland. Sie sagt, dass sie ein casa suchen. Ein Zuhause?

Vor sieben Tagen sind sie nach Kiel gekommen, sagt er. Sie umarmt mich für das Foto. Ich frage sie, ob sie ein Kind hat. Sie streichelt ihren Bauch und sagt nein, nicht jetzt. Aber in Griechenland habe sie eins. Einen Sohn, zwei Jahre alt. Er lebt jetzt bei seiner Mutter. Sie zeigt mir Fotos, wo sie ihn auf dem Arm hält. Auf den Fotos sieht sie schön aus, lange nicht so mager wie jetzt.

Ich frage, wie lange sie gebraucht haben. Etwa zwanzig Tage, sagt er, sie seien von Griechenland durch Italien und Österreich nach Deutschland gekommen. Warum? Sie lacht und sagt: „Da is no money, no Arbeit. That is the problem.“ Ich möchte wissen, was sie vorhaben, wie es weiter gehen soll. “Wir haben keinen Plan”, sagt er und zündet sich eine Zigarette an, wir kennen niemanden hier in Deutschland.“

Ich frage, warum sie nach Deutschland gekommen sind. „Wir haben kein Geld, müssen aber welches verdienen. Wir hoffen, dass es in Deutschland klappt“, sagt er und legt ihr den Arm um die Schulter. Sie möchten gerne hierbleiben, arbeiten und das Kind nachholen.

Wir bringen ihnen Frühstück, ein paar Nutellabrote. Sie isst, er nicht. Er erzählt, dass in der vorherigen Nacht die Polizei kam. Sie hätten sich die Pässe angeschaut, dann gesagt, sie sollen weiter schlafen. Dann habe es begonnen zu regnen. Sie reibt sich die Beine, sie zittert. Die Hose ist ein bisschen zerrissen, ein sehr knöchernes Knie. Ihr ist kalt. Sie zeigt auf ihren Kiefer, sagt, dass er schmerzt. Sie müsse zum Arzt. Etwas mit ihr sei falsch, sie würde immer frieren und Gewicht verlieren.

Sie redet wieder Spanisch und sagt: „Ich möchte Arbeit, ein Zuhause. Ich habe einen Sohn, aber keine Arbeit. Ich möchte, dass alles gut wird. Mucha Gracia.“

Sie bedankt sich noch einmal, er hustet, muss spucken. Über ihr Lager verteilt, glitzern an einigen Stellen ausgehustete Reste. Wir sind einen Moment ruhig, auf der Jungen Bühne ist ein Open Air Gottesdienst, sie singen. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“. Die Griechin zeigt auf sich. „Maria.“ Dann zeigt sie mir mit den Fingern, dass sie 28 und er 33 Jahre alt ist. Sie lächelt mich an, spielt an den zwei Silberringen, die sie trägt. Mit kleinen Steinchen. „Wir sind verheiratet“, sagt sie und lacht. „Kannst du mir deine Nummer geben? Für mich?“ Willkommen in Kiel.

Von Hille Norden

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