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Kiel Nur im Ziel sind sie sich einig
Kiel Nur im Ziel sind sie sich einig
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11:13 05.11.2018
Von Kristian Blasel
Der Kreuzfahrttourismus boomt seit Jahren. Doch neben der Freude über den wirtschaftlichen und touristischen Erfolg, der damit verbunden ist, wächst die Kritik an den ökologischen Folgen. Quelle: Frank Behling
Kiel

Unter dem Titel „Kiel Cruising City? Kreuzfahrttourismus im Spannungsfeld zwischen Umwelt und Wirtschaft“ hatten Studenten der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zur Diskussion eingeladen - und dabei ein ausgewogenes Podium zusammengestellt, das im gut besuchten Hebbel-Hörsaal aufeinander traf. Organisiert wurde die Diskussion von der Regionalgruppe Schleswig-Holstein der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) in Kooperation mit der Hochschulzeitung Der Albrecht. Ruhig in de Stimmlage, aber scharf in der Wortwahl: So stritt die Expertenrunde an diesem Abend.

Nabu-Experte Siegert nennt Kreuzfahrtourismus „totalen Irrsinn“

Malte Siegert vom Nabu übernahm schnell die Abteilung Attacke. Er prangerte die „komplette Ungleichbehandlung“ an, mit der Schiffs- und Straßenverkehr mit Umweltauflagen reglementiert werden. So dürften Schiffe auf hoher See die 3500-fache Schadstoffmenge verursachen. Die Belastung, unter der die Menschen in Städten wie Kiel leiden, sei vor allem durch Kreuzfahrer enorm, „weil sie dicht in die Stadt fahren dürfen“. Das ganze System sei „totaler Irrsinn“.

Kreuzfahrtvertreter setzt auf technischen Fortschritt

Helge Grammerstorf von der internationalen Kreuzfahrtvereinigung CLIA bestätigte zwar die Ausführungen von Siegert im Hinblick auf die Schwierigkeit, Straßen- und Schiffsverkehr hinsichtlich ihrer Schadstoffemissionen direkt zu vergleichen. Gleichzeitig ist Grammerstorf zuversichtlich, dass sich die Situation in den nächsten Jahren verbessert. Ab 2020, erinnert er, werde der Wert von zurzeit noch 3,5 Prozent, die derzeit als Schwefelanteil im Schiffsbrennstoff auf hoher See zugelassen sind, auf 0,5 Prozent reduziert. Und das sei bereits beschlossen und dann international verbindlich. Auf Nord-und Ostsee, sowie den angrenzenden Häfen, sei bereits jetzt nur 0,1 Prozent Schwefelanteil erlaubt. Neue Kreuzfahrtschiffsmodelle, so Grammerstorf, verfügen außerdem über „moderne Kraftwerke“ an Bord, die saubereren Strom produzieren, als es vielfach an Land möglich sei. Auch durch die schärferen Vorschriften für schwefelarme Treibstoffe habe sich die Situation seit 2015 verbessert. „Aber letztlich brauchen wir international einheitliche Vorschriften. Sonst wäre das Wettbewerbsverzerrung.“

Mit dem Nabu habe er dasselbe Ziel. „Wir sind uns nur nicht einig, auf welchem Weg und in welcher Zeit wir es erreichen wollen.“ Er gehe davon aus, dass das Schiff der Zukunft vor allem mit Strom angetrieben werde.

Kiel hat erfolgreichste Kreuzfahrt-Saison der Geschichte hinter sich 

Hinter Kiel liegt mit insgesamt 167 Anläufen die erfolgreichste Kreuzfahrtsaison in der Geschichte der Stadt. Immer wieder werden die Schiffe auch für die Schadstoffbelastung am Theodor-Heuss-Ring verantwortlich gemacht. Aber zumindest dieser Verdacht ist auch nach Ansicht von Experten inzwischen ausgeräumt. Der Seehafen Kiel hatte erst im vergangenen September eine Studie vorgestellt, wonach es keinen Zusammenhang zwischen der Luftbelastung durch die Schifffahrt und den Grenzwertüberschreitungen an Kiels Stadtautobahn gibt.

„Schlimmste Form der Ressourcenvernichtung“

Ulrich Bähr von der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein sprach dennoch von „Raubtiertourismus“, der mit den Kreuzfahrern ermöglicht werde. Es sei die „schlimmste Form der Ressourcenvernichtung“, auch wenn der Anteil an der weltweiten Umweltverschmutzung relativ gering sei, sagte Bähr. Er warnte vor dem Trend zu Expeditionskreuzfahrten, die in bislang ungestörte Ökosysteme vordringen. 

Balanceakt für grünen Ratsherr Dirk Scheelje

Einen argumentativen Balanceakt musste der Grüne-Ratsherr Dirk Scheelje hinlegen, der zugleich im Aufsichtsrat der Seehafen Kiel GmbH sitzt. Er lobte einerseits den Druck, der durch die Umweltverbände auf die Kreuzfahrtreedereien ausgeübt wird und die Fortschritte im Umweltschutz erst möglich gemacht hätten. Gleichzeitig verteidigte er den Kurs des Kieler Seehafens, Kreuzfahrer künftig über Strom zu versorgen. „In zwei Jahren werden wir 60 Prozent der Schiffe über Landstrom versorgen.“

Effekte der Touristen auf lokale Wirtschaft ist gering

Johannes Hartwig vom Kieler Wirtschaftsministerium bestätigte das Argument der Kreuzfahrtkritiker, dass der Effekt für die lokale Wirtschaft marginal sei. Die rund 500.000 Gäste, die zuletzt pro Saison in Kiel an Land gingen, würden für lediglich 0,1 Prozent der Wertschöpfung an der Förde sorgen. Hartwig plädiert für eine Politik der kleinen Schritte. „Wir sollten mit aller Macht versuchen, die Umweltprobleme in Kiel zu lösen.“

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