Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kiel „Der November 1918 war ein Umsturz“
Kiel „Der November 1918 war ein Umsturz“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Von Christian Trutschel
Gruppenaufnahme revolutionärer Matrosen von SMS "Zähring" Quelle: N.N./Archiv der Arbeiterjugendbewegung/Slg. Ernst Schmidt
Kiel

Was bleibt von diesen Aktionen, denen am 9. November ein Systemwechsel von der Monarchie zur ersten deutschen Demokratie folgte und am 11. November das Ende des Ersten Weltkrieges? Ein Gespräch mit Prof. Uwe Danker, der seit 1994 Geschichte und Geschichtsdidaktik an der Europa-Uni Flensburg lehrt.

Kiel 1918

Kiel 1918

Historische Dokumente aus der Zeit des Matrosenaufstands gesucht - blättern Sie in Ihren Familienalben! Eingescannte Dokumente und Bilder, die aus jener Zeit stammen, können Sie hier hochladen.

Was sollten wir heute wissen über Kiel und die Revolution 1918?

Danker: Man sollte wissen, dass sehr mutige „kleine Leute“, nämlich einfache Soldaten und Arbeiter, sich einer sinnlosen Fortsetzung des Krieges widersetzten, meuterten, den Aufstand probten und sofort auch Meinungsfreiheit, gleiches Wahlrecht, Frauenwahlrecht, also eine Demokratisierung forderten. Das war lebensgefährlich und weitsichtig zugleich. Sie bildeten Arbeiter- und Soldatenräte, und von Beginn an wollten die meisten von ihnen die Macht für eine demokratische Verfassungsgebung wieder abgeben. Dieser Mut und dieses demokratische Potenzial münden Tage später in die Republik und bereits zehn Wochen später in Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung, zu denen alle Deutschen eingeladen waren.

Meuterei, Matrosenaufstand, Revolution – was trifft zu?

Der Aufstand in Wilhelmshaven und Kiel begann tatsächlich mit Meuterei und unterstützendem Aufstand durch Arbeiter, verfolgte aber neben Alltagsfragen wie dem Grußzwang in der Freizeit und der Befreiung der Inhaftierten sehr früh auch revolutionäre Ziele wie die Abdankung der Hohenzollern und die Demokratisierung Deutschlands. Deshalb ist der Begriff Novemberrevolution als Folge des Matrosenaufstandes unstrittig und korrekt, obwohl die Monarchie am Ende war. Wir streiten bis heute darüber, ob der November 1989 eine Implosion der von Gorbatschow fallengelassenen DDR war oder eine deutsche Revolution oder ein Wirtschaftszusammenbruch. Aber nicht darüber, dass der November 1918 ein aktiver Umsturz war. Schon am 4. November in Kiel ging es um die Abschaffung der Monarchie.

Nehmen Sie an, dass sich auch 2018 noch Menschen schwer damit tun, 100 Jahre Revolution zu feiern?

Ja, das nehme ich an. Und das hat Ursachen. Die Weimarer Republik ist in der kollektiven Erinnerung leider sehr negativ besetzt, weil sie zumeist als Durchgangsstation zum Nationalsozialismus erinnert wird – also von ihrem Ende, ihrem Scheitern her. Dabei wird leider vergessen, welche Chancen, welche Aufbrüche im kulturellen und im gesellschaftlichen Bereich stattfanden, auch, dass die Geschichte der ersten deutschen Demokratie durchaus offen begann und auch hätte anders verlaufen können.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!