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Kiel Erst Fontane-, dann Virchow-Kenner
Kiel Erst Fontane-, dann Virchow-Kenner
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16:13 29.03.2016
Von Martina Drexler
Band für Band ein Erkenntnisgewinn: Der Kieler Medizinhistoriker Prof. Christian Andree arbeitet an der Gesamtausgabe über Rudolf Virchow. Derzeit sitzt er am 44. Band. 29 hat er noch vor sich. Quelle: Jan Köhler-Kaeß
Kiel

Andree gehört zu den Professoren, die für ihre Forschung mit einer das eigene Leben beherrschenden Leidenschaft brennen. Derzeit sitzt er am 44. roten Band, 29 hat er noch vor sich. Die hofft er, noch „in diesem Leben“ herausgeben zu können. Andree ist 77 Jahre alt.

Wer das kleine Büro des Forschers in der Medizin-Abteilung der Bibliothek betritt, muss sich zwischen den eng stehenden Regalwänden und gestapelten Kartons einen Weg bahnen. Spätestens gegen 9 Uhr kommt er fast täglich hierher, um das zahlreiche Archivmaterial – Reden, Notizen, Briefe, wissenschaftliche Abhandlungen – des ehemaligen Arztes der Berliner Charité unter die Lupe zu nehmen. Eine mühselige Detailarbeit, nicht nur, weil Virchows Manuskripte in der ganzen Welt verstreut seien, sondern auch wegen dessen Handschrift: „Manchmal habe ich einen halben Tag gebraucht, um einen Brief zu lesen,“ sagt Andree und zitiert einen Wiener Physiologen, der sich einmal darüber beklagt habe, dass Virchows Schreiben schwerer zu lesen seien „als eine Mönchshandschrift vom 13. Jahrhundert“. Am schwierigsten sind die Tagebücher, weil der Pathologe darin Kürzel, Geheimzeichen oder Schnellschrift nutzte.

Andree ist besessen, "opferte" Fontane

Andree ist so besessen von dem Universalgelehrten, dass der Sammler quasi den anderen von ihm verehrten Mann, Theodor Fontane, „opferte“. Um die Virchow-Ausgabe zu finanzieren, verkaufte er seine private Sammlung von Originalschriften des Dichters 1997 an das Land Brandenburg für damals 2,4 Millionen Mark. Ein Großteil des Erlöses floss direkt in den Druck der Virchow-Bände, von denen einer bis zu 500 Euro kostet. Auf die Frage, warum Virchow ihn so fasziniert, sprudelt Andree über: „Mit der Zellularpathologie hat er das zentrale Modell für die Erkenntnis und Bekämpfung aller Krankheiten geschaffen. Er stellte die Medizin auf ein neues Fundament: Die Krankheiten sitzen in den Zellen, nicht in den Körpersäften.“ Als Hygieniker sorgte er in Berlin für eine funktionierende Kanalisation, als Mitbegründer der Deutschen Fortschrittspartei und Bismarck-Kritiker focht er für sozialpolitische Reformen und das Frauenstudium, mit Heinrich Schliemann grub er Troja aus. Virchow habe vorgelebt, dass man, um den Menschen zu erkennen, den geistes- wie den naturwissenschaftlichen Weg einschlagen müsse, schwärmt Andree.

Virchow setzte sich auch für andere ein

Ein Lebensentwurf, dem der Sammler nacheiferte: Ähnlich wie sein Forschungsobjekt in Pommern auf einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen, floh er mit der Familie in den Westen. Danach eignete er sich Kenntnisse in Medizin- und Wissenschafts-, Ur- und Frühgeschichte, Ethnologie, Germanistik, Slawistik und Anthropologie an. Habilitiert hat er sich natürlich über Virchow. Ab 1976 lehrte er nicht nur in Kiel, sondern nahm auch Lehraufträge in Frankfurt/Oder und Würzburg wahr. Seine neueste Entdeckung: Virchow nahm als Abgeordneter auf die Finanzierung des Ausbaus der Kieler Universität Einfluss: Er sei über den grauenhaften Zustand der Institute so entsetzt gewesen, dass er versucht haben soll, Geld zu beschaffen. Dokumentiert ist seine Freundschaft zur Kieler Prähistorikerin Johanna Mestorf, die Erfinderin des Begriffs „Moorleiche“. Sie verfasste regelmäßig Beiträge über hiesige Vorzeitfunde an die von Virchow geleitete Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 1891 wurde sie Ehrenmitglied. Virchow mit seinem enormen politischen Einfluß setzte für die Forscherin und eine der ersten deutschen Professorinnen dann auch weitere Ehrungen durch.

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