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Kiel Moorsee pflegt die dörfliche Tradition
Kiel Moorsee pflegt die dörfliche Tradition
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07:50 24.08.2012
Von Karin Jordt
Im neuen Hospiz am Radewisch finden schwerstkranke und sterbende Menschen im letzten Lebensabschnitt ein Zuhause. Quelle: Jordt
Kiel

Große Freude herrschte 1970 im Rathaus: Die Stadt konnte ihre Fläche dank einiger Eingemeindungen und Änderungen bei den Kreisgrenzen um 24,7 Prozent vergrößern: Endlich gab es wieder Bauland und Platz für Gewerbe. Zu den Gemeinden, die unter die Fittiche der Landeshauptstadt schlüpften, gehörte auch Moorsee, das ehemalige Haufendorf, das acht Kilometer südlich von Kiel noch das beschauliche Landleben pflegte, während sich der Ortsteil Poppenbrügge bereits zu einer Stadtrandsiedlung gewandelt hatte.

Dabei war Poppenbrügge ursprünglich nur eine Landstelle beim Vieburger Gehölz gewesen, die sich zu einem Bauerndorf entwickelte. Durch den Bau des Verschiebebahnhofs um 1900 wuchs das Dorf, das damals 197 Einwohner hatte, und dehnte sich vor allem nach Süden aus.

Wie wichtig die Nord-Süd-Verbindung war, zeigt sich auch daran, dass der alte Weg von Kiel nach Kirchbarkau gepflastert wurde. Reste dieser gewundenen, 1832 mit Granit gepflasterten Straße gibt es heute noch: Es ist der Steindamm in Moorsee, der als Kulturdenkmal geschützt ist. Was damals eine moderne Straße war, ist heute ein schmaler, rumpeliger Weg, der in der historischen Pflasterung gerade mal die Breite eines Autos hat.

Schon 1830 gab es in Moorsee eine Schule. Ein neues Schulhaus wurde 1874 am Steindamm gebaut und 1875 eingeweiht. 1943 zerstörten Bomben jedoch den schlichten Backsteinbau. Nachdem die Schäden beseitigt waren, konnte der Unterricht im Herbst 1945 mit 32 Kindern fortgesetzt werden. Durch die Flüchtlinge, die nach Schleswig-Holstein strömten, stieg die Schülerzahl: 86 Kinder drückten die Schulbank im Schichtbetrieb. Über die Schulspeisung ab Ende 1946 berichtet die Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Moorsee, dass die Familien dafür 15 Pfennig für das erste Kind, zehn Pfennig für das zweite und fünf Pfennig für das dritte Kind zahlen mussten, jedes weitere Kind bekam das Essen kostenlos.

Im März 1947 musste die Schule wegen Kohlenknappheit schließen. Um das Haus heizen zu können, zog man im Sommer 1948 los zum Torfstechen, wie die Chronik weiter erläutert. In den 1950-er Jahren wurde noch einmal investiert: Neue Schulbänke wurden angeschafft, eine neue Tafel löste die altersschwache Stehtafel ab und Toiletten mit Wasserspülung wurden eingebaut. Doch die Schülerzahlen sanken. 1967 wurden die Dorfschulen von Meimersdorf und Moorsee geschlossen und die Kinder nach Poppenbrügge umgeschult.

Mittlerweile gibt es aber auch die „Volksschule“ in Poppenbrügge nicht mehr. Das ehemalige Schulhaus am Poppenkamp 2 war 1919/20 mit zwei Klassen und zwei Lehrerwohnungen nach Entwürfen von Johann Theede gebaut worden, der auch die Margarinenfabrik Seibel und das Sparkassengebäude in Wellingdorf entworfen hatte. Heute ist der denkmalgeschützte Bau am Poppenkamp eine Schule für Schauspiel. Und im alten Schulhaus von Moorsee, Steindamm 115, hat die integrative Kindertagesstätte „Die kleinen Trolle“ ihr Zuhause.

Schlüsbek gehörte zeitweise zu Rönne, wurde 1869 selbstständige Gemeinde und kam 1938 zu Moorsee. Namensgeber ist der Bach Schlüsbek, der im Kleinflintbeker Moor entspringt und in den Wellsee fließt. Die alte Landstraße „Zum Schlüsbeker Moor“ war Ende des 18. Jahrhunderts nur im Dorf ausgebaut, nach Moorsee und Havighorst führten Fußwege. Heute gibt es neben der gewachsenen ländlichen Bebauung auch moderne Einfamilienhäuser im Ortsteil.

Das Stadtbild verändert sich weiter: Der geplante Ausbau der B404 zur Autobahn 21 bewegt seit Jahren die Gemüter. Diskutiert wird auch im Ortsbeirat über Durchgangsverkehr, Radwege, Zufahrten und Lärmschutz. Anwohner in tiefer gelegenen Gebieten fürchten außerdem, dass die von der Stadt geplante Wiedervernässung des Moorsees ihre Keller und Felder überfluten könnte. Noch sorgen Gräben und ein Schöpfwerk für Entwässerung. Die Entscheidung, ob der alte Moorsee wieder unter Wasser gesetzt wird, soll erst fallen, wenn die Pegelstände an verschiedenen Messpunkten über mehrere Jahre gesammelt und danach ausgewertet wurden.

Fragt man Moorseer, was das Besondere ihres Stadtteils ist, ähneln sich die Antworten: Die Menschen kennen sich, sind hilfsbereit und feiern gern zusammen. Sie pflegen dörfliche Traditionen, die auch von der Freiwilligen Feuerwehr und dem Bürgerverein Moorsee-Schlüsbek mit großem Engagement bewahrt werden, freuen sich über die Nähe zur Natur und sind trotzdem nicht weit entfernt vom städtischen Trubel.

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