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Kiel Mit den Fingern von Stern zu Stern
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08:03 26.08.2016
Von Heike Stüben
Jürgen Trinkus (links) und Niels Luithardt demonstrieren am Urmodell aus Holz, wie die sprechende Himmelsscheibe funktionieren soll. Quelle: Frank Peter

Der Blick in den Sternenhimmel – für Sehende kein Problem. Auch Niels Luithardt kann sich noch daran erinnern, wie faszinierend er als Kind diesen Anblick fand. Doch dann nahm das Sehvermögen ab, seit zehn Jahren kann der Student gar nichts mehr sehen. Doch der Wunsch, den Sternenhimmel für jeden begreifbar zu machen, trieb ihn um. Heute – und nur heute – ist das Ergebnis in der Museumsnacht in der Kieler Sternwarte zu erleben: Weltpremiere für die sprechende Himmelsscheibe.

 Für Astronomie hatte sich der Student der Mathematik und Physik schon lange interessiert. 2009, im Internationalen Jahr der Astronomie, wurde aus dem Interesse eine Passion. Der Verein Andersicht, zu dem auch Luithardt gehört, beteiligte sich an dem Programm des Mediendoms, und es entwickelte sich ein enger Kontakt, auch zu dem Astrophysiker Prof. Wolfgang J. Duschl. „Da stand fest, dass ich die Sterne vom Himmel holen wollte“, sagt Luithardt, „auch Sehbehinderte sollten sich vorstellen können, wie es ist, wenn man nachts auf einer Wiese liegt und in den Himmel schaut. Und weil sich dieser Anblick im Jahresverlauf ändert, sollte dieses Erlebnis für jeden einzelnen Tag ermöglicht werden.“

Himmelsscheibe aus Holz

 Nur ein Jahr später hatte der Student zusammen mit einem Hobbyhandwerker ein Modell fertig: eine Himmelsscheibe aus Holz. Außen auf dem Datumsring lässt sich ein konkretes Datum einstellen. Je nach Datum wird dann auf der Scheibe der entsprechende Himmelsausschnitt mit den Sternen sicht- und tastbar. „Meine Idee war, dass man auf jeden Stern drücken kann und dann eine Stimme Informationen zu diesem Stern gibt“, sagt Luithardt. Er ahnte nicht, wie weit und kompliziert der Weg von dem Urmodell bis zur sprechenden Himmelsscheibe noch sein würde.

 Ohne das Teamwork mit dem Gründer und Vorsitzenden von Andersicht, Dr. Jürgen Trinkus, hätte die Himmelsscheibe wohl nie eine Stimme bekommen. „Dabei war die Finanzierung – gut 22000 Euro – noch das geringste Problem. Denn die Bert-Mettmann-Stiftung war so überzeugt von dem Projekt, dass sie unkompliziert das Geld bereitgestellt hat“, erklärt Trinkus, der von Geburt an nicht sehen kann. Deutlich schwieriger war es, die Sterne auszuwählen – genügend, um die Sternbilder erkennen zu können, aber nicht so viele, dass sie nicht mehr eindeutig ertastet werden können. Die größte Hürde: Für jeden der 170 ausgewählten Sterne musste die exakte Position bestimmt werden. Denn Jochen Brodersen brauchte die genauen Koordinaten, um in seiner Firma drei-D Formenbau in Harrislee die Himmelsscheibe herstellen zu können.

Zwei Jahre in die Himmelsscheibe investiert

Zwei Jahre hat allein Brodersen mit seinem Team immer wieder an der Herstellung getüftelt. Und dann mussten Luithardt und Trinkus für jeden Stern noch einen Text liefern, der von Sprechern aufgenommen und als Audiodatei dem jeweiligen Stern zugeordnet werden musste. Eine Pionierarbeit, die erklärt, warum es bisher keine sprechende Himmelsscheibe gibt.

 Das ändert sich nun. Die 60 Kilogramm schwere, ein mal ein Meter große Himmelsscheibe ist fertig und in der heutigen Museumsnacht zu erleben. Auch für Sehende ein erhellendes Erlebnis. Niels Luithardt hat sie bereits einmal in Harrislee ausprobiert. „Sie zum ersten Mal real zu fühlen und zu hören“, sagt er, „das hat mich wirklich geflasht“.

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