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Kiel "Ratten kommen bis in den 22. Stock"
Kiel "Ratten kommen bis in den 22. Stock"
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10:00 16.04.2019
Von Karen Schwenke
Mieter Ingmar Gapinski beschwert sich über Lärm, Gestank, Müll, Ratten, Ungeziefer und Vandalismus im Wohnhochhaus „weißer Riese“. Der Vermieter kümmere sich gar nicht. Quelle: fpr: Frank Peter
Kiel

„Das Haus ist völlig heruntergekommen“, sagt Ingmar Gapinski (56). Er wohnt seit 2013 in dem Koloss und ist völlig bedient. Er hat kein gutes Wort für das Haus übrig und schon gar nicht für den Besitzer, die Grand City Property (GCP), eins der größten Wohnimmobilienunternehmen in Europa. Laut Gapinski ist das Mietshaus am Kurt-Schumacher-Platz 1 in einem völlig verwahrlosten Zustand. „Es sind grauenvolle Umstände, die man hier antrifft“, sagt er und spricht von Müll und Gestank, von Drogen- und Alkoholgelagen, von Ratten und Kakerlaken.

Urin im Fahrstuhl, Küchenabfälle im Treppenhaus, Geschmiere in den Hausfluren

„Jeder fährt dran vorbei, jeder kann von außen sehen, was los ist, und doch will es keiner sehen.“ Bei einem Besuch präsentiert sich tatsächlich kein schönes Bild: In den Bäumen um das Gebäude hängen ein Teppich, eine Hose und Plastiktüten. Sachen, die offenbar aus den Wohnungen geschmissen worden sind. Der Eingangsbereich im Erdgeschoss wirkt ungepflegt, im Fahrstuhl stinkt es nach Urin, im Treppenhaus sind die Stufen mit einem klebrigen Film überzogen, es riecht streng nach Abfällen und auf den Treppenabsätzen stehen tatsächlich Müllbeutel mit Küchenresten.

In den Hausfluren sind die Wände teils verschmiert und der Fußboden ist mit Brandflecken von Zigarettenkippen gesprenkelt. „Heute ist es sogar noch vergleichsweise sauber hier“, kommentiert Gapinski, der inzwischen seine Wohnung im 18. Stock gekündigt hat. Der Lärm, Dreck und Gestank von nebenan habe ihn so gestört, dass er sich mehrfach bei der Hausverwaltung und der Polizei, sogar dem Gesundheitsamt über den Nachbarn beschwert habe. „Doch passiert ist nichts. Keiner fühlte sich zuständig. Die Hausverwaltung schiebt es der Polizei zu, diese dem Ordnungsamt und das wiederum der Hausverwaltung.“

Vermieter Grand City Property weist Kritik zurück

Eigentümerin GCP vermietet und verwaltet das Haus seit 2014: „Insgesamt ist es seitdem deutlich besser geworden“, kommentiert Unternehmenssprecherin Katrin Petersen die Kritik. „Unsere Mitarbeiter aus den Bereichen Hausverwaltung und Hausmeisterdienst sind jeden Tag vor Ort im und um das Hochhaus. Mehrfach wöchentlich finden unter anderem Reinigungsarbeiten im gesamten Treppenhaus und in den Aufzügen statt. Verschmutzungen oder Vandalismus werden schnellstmöglich beseitigt.“ Zu dem kritisierenden Mieter heißt es in der Stellungnahme des Unternehmens: „Die Kommunikation mit der Mietpartei hat sich in der Vergangenheit leider als sehr schwierig erwiesen.“

Mieter berichten über Vandalsimus und über Ratten im 22. Stock

Warum Ingmar Gapinski kurz vor seinem Auszug nochmal gegen den Vermieter wettert, erklärt er so: „Ich wurde schon mehrfach von älteren Herrschaften, die auch unter der Situation leiden, angesprochen. Sie sind hier hergezogen, als es noch ein anständiges Haus war. Jetzt kommen sie hier nicht mehr weg, können sich aber auch nicht beschweren, weil sie bedroht werden.“ Da er sich über seinen „inzwischen verstorbenen, dem Alkohol zugeneigten Nachbarn“ beschwert hätte, sei er selbst mehrfach im Fahrstuhl von dessen Freunden bedroht worden, einmal sogar tätlich angegriffen und verletzt worden. „Mein Haustürschloss ist viermal mit Sekundenkleber verschmiert worden und meine Haustür wurde zerkratzt.“

Nicht ganz so dramatisch schildern Angelo Kölln (30) und Marina Bertran (27), Mieter im 22. Stock, die Wohnsituation. Das Haus halten sie aber dennoch für verloren: „Es ist wie ein sinkendes Schiff, das man nicht mehr aufhalten kann“, sagt Kölln. Er berichtet von einem direkten Nachbarn, der monatelang wegen einer Rattenplage sein Appartement nicht bewohnen konnte, und einem Nachbarn aus dem 17. Stock, der Kakerlaken in seiner Wohnung hat, die durch die Lüftungsschächte kommen. „Das Haus ist verloren, ein Neubau wäre billiger als eine Sanierung“, schätzt der Mieter. Er berichtet von Wasserschäden und Schimmel im Schlafzimmer, „wir warten schon eine Weile, dass das behoben wird“. Und dann sagt Angelo Kölln: „Wenn Ratten bis in den 22. Stock hochkommen, da muss doch was falsch sein.“

„Wir haben hier alles: Normalos, Suchtkranke, psychisch Kranke, Prostituierte, Dealer, Kriminelle, Ausländer, Deutsche“

Anke Lorenzen (54) nimmt die Zustände mit Gelassenheit. Die Frührentnerin wohnt seit 35 Jahren in dem Haus. „Als ich 1984 eingezogen bin, hieß der Vermieter noch Neue Heimat. Damals war es ein nettes Viertel. Für die Appartements gab es sogar Wartelisten“, berichtet sie. Etliche Vermieterwechsel hat sie erlebt. „Mit der aktuellen Hausverwaltung bin ich sehr zufrieden.“ Auch gegenüber den Nachbarn zeigt sie sich tolerant: „Wir haben hier alles: Normalos, Suchtkranke, psychisch Kranke, Prostituierte, Dealer, Kriminelle, Ausländer, Deutsche“, zählt sie auf und versichert: „Aber ich kann mich nicht beklagen. Ich habe mich auch schon gegen Lärm und Dreck von Nachbarn gewehrt. Die haben Abmahnungen bekommen, jetzt sind sie ruhig.“ Die Mieterin bringt nichts aus der Fassung: „Ratten und Kakerlaken in Wohnungen. Müll, Urin und Kot im Treppenhaus – ich kenne die Zustände.“ Der Vermieter könne das nicht ändern, meint sie. „Das liegt an Mietern, die die Verursacher reinlassen.“

Ingmar Gapinski schüttelt den Kopf über so viel Optimismus. Sein Anwalt habe schon alles versucht. Aber: „Die Verfahren gegen Nachbarn wurden von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Die Beschwerden beim Vermieter blieben unbeantwortet.“ Am Ende blieb ihm nur der Wohnungswechsel. Und unschöne Gefühle: „Das alles macht mich wütend“, sagt er. „Und vor allem macht es mich nachdenklich.“

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