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Kiel Packt der Kronzeuge aus?
Kiel Packt der Kronzeuge aus?
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19:18 03.11.2015
Von Thomas Geyer
Der Mammutprozess gegen eine osteuropäische Räuberbande hat wegen einer Besetzungsrüge erneut begonnen. Die zwölf angeklagten Mitglieder sollen in Kiel und Düsseldorf Juweliere und Pfandleihhäuser überfallen haben. Obwohl das Landgericht Kiel zuständig ist, wird aus Platzmangel in Schleswig verhandelt. Quelle: Carsten Rehder
Schleswig

Es war fast schon Routine: Bewaffnete und maskierte SEK-Beamte führten die zwölf Angeklagten aus ihren stählernen Haftcontainern hinterm Gebäude an ihre Sitzplätze im großen Saal des Oberverwaltungsgerichts. Nach Öffnen der Handschellen zogen sie sich diskret zurück, überließen die Sicherheit den Justizbeamten: Auf jeden der zwölf überwiegend sportlich und durchtrainiert wirkenden Untersuchungsgefangenen kommen mindestens zwei Aufpasser.

 Und je zwei Verteidiger. Die fünfköpfige Strafkammer unter Richter Carsten Tepp hat somit schon mal 48 Herren vor sich. Dazu kommen die beiden Staatsanwälte, zwei Gutachter, zwei Opfer-Anwälte der Nebenklage, zwei Ersatzschöffen, die Protokollkräfte und Dolmetscherinnen. Die Leitung dieser Sitzung erfordert Moderator-Qualitäten. Doch zunächst streiken die Mikrofone. Schließlich verstehen auch die Rechtsanwälte in der hintersten Reihe, was vorne die Ankläger ihren Mandanten vorzuwerfen haben.

 Zwei Stunden dauert die Verlesung der fünf Anklageschriften. Wie eine Litanei klingt die Wiederholung der juristischen Formeln, die Aufzählung der Details über Planung, Abläufe und Fluchtwege im Tatzeitraum August bis November 2014. Die meisten Angeklagten haben ihre Kopfhörer, die sie mit der Übersetzung der Wortbeiträge aus weiblicher Stimme versorgen, längst beiseitegelegt. Da bittet der Vorsitzende um Aufmerksamkeit.

 Die Belehrung der Angeklagten über ihr Recht, sich zur Sache und zur Person einzulassen oder auch zu schweigen, ist noch nicht erteilt, da bringt Richter Tepp das Thema Verständigungsgespräche ins Spiel. Zuvor hatte Staatsanwalt Christopher Sievers die Fühler in Richtung eines möglichen Kronzeugen ausgestreckt: Der Benjamin der mutmaßlichen Bande, K. (22), hatte nach seiner späten Festnahme im Juli 2015 offenbar als Erster und Einziger bei der Polizei ausgesagt. Wenn der Nachzügler auch vor Gericht auspackt, könnte es für einige Mitangeklagte eng werden.

 Im Fall eines umfassenden Geständnisses und der Aufklärungshilfe zu Tatbeiträgen seiner Komplizen, so signalisierte die Anklage, werde man sich für den Kronzeugen mit vier Jahren Haft zufrieden geben. Strafverteidiger Volker Berthold pokert dagegen auf „zwei bis maximal drei Jahre“ für den jungen Mann. Jetzt muss K. Angst vor der Rache der baltischen Mafia haben, zu seiner Sicherheit ist er bereits im Zeugenschutzprogramm. Nicht mal seine Anwälte kennen seinen Aufenthaltsort. K. soll am 22. August 2014 dabei gewesen sein, als der Düsseldorfer Juwelier in seinem Geschäft mit acht wuchtigen Fußtritten gegen den Kopf schwer verletzt wurde. Der Angeklagte P. (33), ein auffallend kräftiger Mann mit markantem Kinn, sei es gewesen, soll K. gesagt haben.

 Seine Aussagebereitschaft könnte dem Prozess schnell eine besondere Dynamik verleihen. Noch ist offen, ob Verständigungsgespräche geführt werden, ob man sich auf einen Deal einigt. Der Vorsitzende Carsten Tepp hat vorsorglich ein transparentes und faires Verfahren zugesagt: „Wir werden nicht versuchen, den einen gegen den anderen auszuspielen.“

 Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt, die Kammer hat zunächst 18 Verhandlungstage bis Ende Januar 2016 terminiert. Einer der zwölf angeklagten Litauer (37) sitzt heute schon wieder vor Gericht: Er soll an dem Ausbruchsversuch Heiligabend 2014 in der Justizvollzugsanstalt Lübeck-Lauerhof beteiligt gewesen sein. Ab heute muss er sich vor dem Lübecker Landgericht mit drei Mitgefangenen wegen Geiselnahme, Körperverletzung, Nötigung und versuchter Meuterei verantworten.

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