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Kiel Bundesrechnungshof prüft Kostenexplosion
Kiel Bundesrechnungshof prüft Kostenexplosion
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15:25 27.06.2018
Die "Gorch Fock" ist bald ein 135-Millionen-Euro-Schiff. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Der Bundesrechnungshof prüft erneut die Sanierung des Segelschulschiffs "Gorch Fock". Denn statt der ursprünglich geplanten zehn Millionen Euro für die Reparatur sind mittlerweile Kosten von bis zu 135 Millionen Euro zu erwarten. Sachverständige sollen nicht nur die Kostenexplosion untersuchen, sondern auch das Vergabeverfahren juristisch prüfen. „Wir haben im Juni eigene Prüfer in die Werft geschickt, die das Schulschiff sich angeschaut haben“, sagte ein Sprecher des Rechnungshofes am Mittwoch in Bonn. 

Über den konkreten Prüfauftrag machte der Sprecher keine Angaben. Generell prüfe man die Ordnungs- und Rechtmäßigkeit, also ob ein Auftrag korrekt ausgeschrieben wurde, und die Wirtschaftlichkeit einer Maßnahme. Eine Unterbrechung oder ein Stoppen der Baumaßnahme sei nicht zu befürchten, hieß es. Zuletzt hatte der Bundesrechnungshof die 2012 die Vorgänge um die Vergabe der Überholungen geprüft. Damals war der Bericht jedoch vom Verteidigungsministerium als geheim eingestuft worden.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums soll die umfangreiche Runderneuerung und Modernisierung des Dreimasters "Gorch Fock" eine Nutzungsdauer über das Jahr 2040 hinaus ermöglichen. Mit der Instandsetzung der „Gorch Fock“ hatte die Elsflether Werft in Niedersachsen 2016 begonnen, für die Arbeiten an dem Segelschulschiff wird jedoch ein Dock in Bremerhaven genutzt.

Von 10 Millionen auf 135 Millionen Euro

Bei der Vergabe wurde noch mit zehn Millionen Euro Reparaturkosten gerechnet. Doch dann wurden massive Schäden an der "Gorch Fock" entdeckt. Das Verteidigungsministerium korrigierte die Kosten deshalb auf 75 Millionen Euro. Anfang 2018 zeichnete sich dann ab, dass diese Summe nicht ausreichen wird. Mittlerweile wird die Sanierung auf bis zu 135 Millionen Euro geschätzt. Die im Raum stehende Summe sei der „voraussichtliche Endbetrag“, heißt es in einer Stellungnahme des zuständigen Bundesamtes.

Ein Marinesprecher zählte gegenüber KN-online zahlreiche Kostentreiber für die finanziell aus dem Ruder gelaufene Schiffsüberholung auf: 80 Prozent der Schiffsaußenhaut werden erneuert, ebenso das Teak-Oberdeck und das Zwischendeck, die Takelage. Dazu kommen die Liegekosten im Dock, nach Informationen von KN-online ist von 100000 Euro pro Woche die Rede. Das Schwimmdock der Bredo-Werft ist seit Januar 2015 komplett durch die Bark belegt. Allein das macht bis zur geplanten Fertigstellung im Frühjahr 2019 einen zweistelligen Millionenbetrag aus. Außerdem liegt ein Wohnschiff bei dem Schiff.

Neubau keine Alternative für Marine

Nach der Kostenexplosion war zuletzt über eine Stilllegung der "Gorch Fock" und den Neubau eines Segelschulschiffs diskutiert worden. Dieser wäre nach Angaben eines Verteidigungsministeriumssprechers aber frühestens im Jahr 2025 fertiggestellt gewesen. Bis dahin hätte die Ausbildung auf einem angemieteten Segelschulschiff stattfinden müssen. Allerdings ließe diese Lösung unter anderem das Arbeiten der Anwärter in der Takelage nicht zu, da die Takelage nicht den deutschen Sicherheitsbestimmungen entsprechen würde.

Laut Verteidigungsministerium brächte ein Abbruch der Arbeiten am Schiff ohnehin keinen finanziellen Vorteil mehr. Die bereits erledigten Reparaturen einschließlich eines Abwrackens der „Gorch Fock“ würden laut Bundeswehr rund 60 Millionen Euro kosten, dazu käme ein voraussichtlich dreistelliger Millionenbetrag für einen Neubau.

Der Präsident des Bundes der Steuerzahler Schleswig-Holstein, Aloys Altmann, sprach einem „Trauerspiel ohne Ende“. Bereits vor vielen Jahren habe man betont, ein Neubau eines Segelschulschiffes wäre viel günstiger gewesen als die vielen Reparaturen. Die „Gorch Fock“ sei „ein Fass ohne Boden“

"Gorch Fock" war bis 2013 siebenmal in der Werft

Die "Gorch Fock" war vor 2016 bereits mehrfach zur Instandsetzung in der Werft. Alleine bei den sieben Werftaufenthalen zwischen Jahrtausendwende und 2013 seien laut des zuständigen Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) rund 40 Millionen Euro in das Segelschulschiff investiert worden.

Ein Großteil der Summe wurde 2010 ausgegeben. Damals wurde unter anderem das Teak-Deck erneuert, das bei den derzeitigen Arbeiten wieder neu gemacht werden muss. Das darunterliegende Stahldeck war verrostet. Das Teak konnte nicht zerstörungsfrei entfernt werden.

Die Schäden, die innerhalb zwei Jahren zur erheblichen Kostensteigerung von anfangs geschätzten 10 auf nunmehr 135 Millionen Euro geführt haben, blieben bei vorherigen Ausbesserungsaufenthalten offenbar unbemerkt. Und das, obwohl das Schiff nach Angaben des BAAINBw seit Beginn der 2000er Jahre „vorschriftenkonform“ und „planmäßig“ instand gehalten wurde, bei demselben Unternehmen wie jetzt.

175 Millionen Euro für "Gorch Fock"-Sanierung seit 2004

Für den Bund der Steuerzahler ist das alles nicht nachvollziehbar: "Uns ist es unverständlich dass ein Schiff, das ja auch schiffstechnische Offiziere hat, quasi unter den Händen der Besatzung weggammelt", sagte Geschäftsführer Reiner Kersten dem NDR.

Zählt man die im Raum stehenden 135 Millionen Euro mit den rund 40 Millionen Euro aus der Instandsetzung von 2004 bis 2013 zusammen, wurden an die 175 Millionen Euro in die Sanierung der "Gorch Fock" gesteckt.

Instandsetzung der "Gorch Fock" vermutlich 2019 beendet

Die Erneuerung des 89 Meter langen Segelschulschiffes kommt Stand Juni 2018 nur langsam voran. Die Arbeiten verzögern sich: Die Aufstellung der neuen Masten war für den April 2018 geplant, wurde aber auf den Sommer verschoben.

Trotz der Probleme soll im August an Bord der 60. Jahrestag des Stapellaufs gefeiert werden. Bis dahin sollen aber die Masten wieder stehen.

Solange die "Gorch Fock" in der Werft liegt, nutzt die deutsche Marine für die Ausbildung die „Mircea“. Das deutsche Segelschulschiff "Gorch Fock" wird voraussichtlich im Frühjahr 2019 der Marine wieder zur Verfügung stehen.

Was an der "Gorch Fock" alles repariert werden muss

2015 war zunächst eine etwa halbjährige Liegezeit mit einem Investitionsvolumen von zehn Millionen Euro geplant. Warum die Reparatur deutlich länger dauert und was an dem Segelschulschiff der Marine erneuert werden muss, erfahren Sie in unserer Fotostrecke.

Hier sehen Sie, was alles an der "Gorch Fock" erneuert werden muss.

Von KN-online

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