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Kiel „Sie hatte noch so viel vor“
Kiel „Sie hatte noch so viel vor“
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13:53 17.12.2016
Von Bastian Modrow
Delali Afiwoa Assigbley starb im Alter von 38 Jahren. Sie lebte seit 2007 in Kiel. Quelle: *
Kiel

Selbst die Menschen berührt, die sie nicht persönlich gekannt haben und die erst jetzt, nach der tödlichen Brandattacke ihres Ehemanns, von dem schier unermüdlichen sozialen Engagement und der einnehmenden Lebensfreude der zweifachen Mutter erfahren haben.

Aber wer war dieser Mensch, der auf so grauenvolle Weise aus dem Leben gerissen wurde? Ein Porträt.

„Dela war eine Person, wie man sie nur selten im Leben trifft: Sie hatte Aura – man konnte sie nur mögen“, sagt Martin Link, Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Schleswig-Holstein. Seit beinahe drei Jahrzehnten engagieren sich seine Mitstreiter und er für Zuwanderer, auf Menschen wie Delali Assigbley traf der 58-Jährige dabei nur selten: „Sie war gelebte Empathie und ein riesiges Talent, in dem, was sie tat. Sie reißt eine Lücke. Eine große.“

Die 38-Jährige war eine Kämpferin – seit ihrer Jugend setzte sie sich für die Verbesserung der Rolle der Frau in der togolesischen Gesellschaft ein. „Die Ungerechtigkeit in der Erziehung zwischen Mädchen und Jungen in ihrer Heimat ärgerte sie schon, da war sie noch im Vorschulalter“, erinnert sich ihre Familie. 1978 wurde Delali geboren, in Kara, im Norden Togos. Sie wuchs in Tsévie auf dem elterlichen Hof auf, gemeinsam mit zwei Schwestern und vier Halbgeschwistern. Der Vater, so berichten Vertraute, habe seine Kinder zu starken und selbstbewussten Charakteren erzogen, ermöglichte ihnen den Schulbesuch. Delali wusste, dass dies nicht selbstverständlich war. 1998 machte sie ihr Abitur, studierte Jura an der Universität in der Hauptstadt Lomé. „Schon in dieser Zeit engagierte sie sich für Frauen- und Mädchenprojekte, über ein Stipendium des Goethe-Instituts kam sie 2004 nach Deutschland“, berichtet Regine Paschmann.

Die Pastorin der Kieler Uni-Kirche lernte Delali Ende der 2000er-Jahre kennen und schätzen. „Sie war zunächst nach Freiburg, anschließend nach Karlsruhe zu ihrer Tante gezogen, wo sie ihre Deutschkurse absolviert hatte“, sagt die 51-Jährige. Wie schnell die Afrikanerin die Sprache erlernte, beeindruckt viele, die sie kannten. „Sie sprach akzentfreies Deutsch“, erinnert sich Martin Link.

In Kiel fand Delali Assigbley eine neue Heimat. Sie fühlte sich hier zu Hause, sagen Wegbegleiter. „Sie lebte ein Leben mitten in unserer Gesellschaft, war voll integriert – ohne dabei ihre afrikanische Herkunft zu vergessen. Delali hat mit ihrem Wesen beiden Kulturen Kraft geschenkt“, erinnert sich Wulf Dau-Schmidt. Bei einer befreundeten schwerkranken Pastorin wohnte die Studentin anfangs. „Dela hat dieser sterbenskranken Frau bis zuletzt so viel Hoffnung und Freude geschenkt, das war unglaublich“, sagt der 62-Jährige. Er ist Vorstandsmitglied des Plöner Vereins Sahel, der sich für Kinder und Jugendliche in Burkina Faso einsetzt. „Mit Dela hatten wir einen engen Austausch, der noch viele Früchte tragen sollte“, berichtet Dau-Schmidt.

2012 absolvierte die damals 34-Jährige ihr Diplom der Pädagogik an der Christian-Albrechts-Universität mit der Note sehr gut. Zu dieser Zeit war Delali Assigbley verheiratet und bereits Mutter eines Sohnes. 2009 hatte sie ihren Mann, den sie in Kiel kennengelernt hatte, in Dänemark geheiratet, im August wurde ihr erster Sohn geboren. Der Jüngere erblickte im Frühjahr 2013 das Licht der Welt. Wie sie Familie, Studium, soziales Engagement und die Arbeit, mit der sie den Unterhalt finanzierte, unter einen Hut bekommen hat, davor haben Kollegen und Vertraute höchsten Respekt. „Mit dem Geld, das sie im Studium beim Putzen in einem Altenheim verdient hat, unterstützte sie auch noch ihre Familie in der Heimat“, sagt Pastorin Paschmann. Die Evangelische Studierendengemeinde nominierte sie später für das Stipendium von „Brot für die Welt“, von dem bundesweit nur 20 vergeben werden und das sie als erste Kieler Studentin überhaupt erhielt.

Die Liste ihres gesellschaftlichen Engagements ist lang: Delali Assigbley war Betreuerin im Verein „Die Brücke“, Referentin beim Flüchtlingsrat, Projektleiterin beim „Bündnis Eine Welt“ und eine der Koordinatorinnen des interkulturellen Frauenprojekts Sisters. All ihr Herzblut investierte sie in die Migrations- und Flüchtlingspolitik – im Januar hätte sie als Mitarbeiterin beim Flüchtlingsbeauftragten des Landes anfangen sollen. „Delali war eine Macherin, sie hatte so viele Ideen“, sagt eine Freundin und erinnert sich an die gemeinsame Zeit in der Krabbelgruppe, die die Togolesin gemeinsam mit anderen studierenden Müttern an der Uni aus der Taufe gehoben hat. „Ihre Offenheit, Herzlichkeit, Fröhlichkeit war ansteckend“, sagt Pastorin Paschmann. „Sie hat nie geklagt, sich nie beschwert: Sie war die Frau, die immer lachte“, sagt Link.

Woher die Afrikanerin die Energie genommen hat, kann niemand so richtig beantworten. Viel Kraft habe sie aus ihrem Glauben gezogen, sagen viele Wegbegleiter. „Sie war bekennende und aktive Christin und hat sich auch in der Freien Christengemeinde Kiel eingebracht, engagierte sich wie selbstverständlich für die Spendenaktionen von Brot für die Welt“, erinnert sich Regine Paschmann. Die Pastorin war es auch, der sich Delali Assigbley zuletzt anvertraute. „In den vergangenen Monaten wirkte sie angestrengt“, sagt die Theologin. Die beiden kleinen Kinder, vor allem aber der seelisch kranke Ehemann, für den die 38-Jährige sich verantwortlich fühlte, für den sie ganz selbstverständlich da sein wollte, kosteten Kraft. „Ein letztes Treffen gab es vor drei Wochen, als sie im Gemeindebüro spontan vorbeigekommen ist.“ Klagen über die belastende Situation waren aber auch dort nicht zu hören.

Am 7. Dezember findet das Leben von Delali Assigbley in Kronshagen ein schreckliches Ende. Vertraute können noch immer nicht realisieren, was passiert ist. Und wie es passiert ist. „Sie hatte noch so viel vor“, sagt eine Bekannte. „Es ist unvorstellbar, Dela nie wieder singen zu hören, sie tanzen zu sehen – ihr Lachen zu hören.“ Heute werden sie und viele andere Abschied nehmen – „von einem Schatz für viele Menschen, Frauen wie Männer, aus Nord und Süd, schwarz oder weiß“, formuliert Wulf Dau-Schmidt. Das Wirken der Verstorbenen hinterlasse große Spuren, sagt eine Vertraute: „Mut machen, sich trauen, Hoffnung verbreiten – unsere Stadt hat einen besonderen Menschen verloren.“

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