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Kiel Dem Fernweh nah
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16:07 02.01.2015
Von Sven Hornung
Frank Sebasse fühlt sich auf seiner „Sölve“ wohl. Den ehemaligen Petroleumdampfer möchte er umbauen und seetüchtig machen für seine Europareise: In drei bis vier Jahren will der 54-Jährige endlich in See stechen. Quelle: Sven Hornung
Kiel

Einige sehen aus wie gestrandete Globetrotter: braungebrannt mit langen Vollbärten und Sandalen. Und andere sehen aus wie Frank Sebesse. Der 54-Jährige trägt einen durchaus stylishen Jogging-Anzug und dazu einen gestutzten Drei-Tage-Bart, als er die kleine Kajüten-Tür seines alten Petroleumdampfers öffnet. Im Mundwinkel steckt eine Zigarette. Vorsichtig klettert er die überfrorene Schiffsleiter auf den Steg hinunter. Dann holt er tief Luft, atmet kräftig aus und sagt: „Fast auf Augenhöhe mit dem Wasser zu sein, hat etwas sehr, sehr Beruhigendes.“

 Seit etwa 16 Jahren machen die Mitglieder des Vereins Schwentineflotte an der Stickenhörnmole in Kiel-Friedrichsort fest. Vorangegangen war ein heftiger Streit zwischen dem Liegenschaftsamt und den Schiffsbesitzern, deren Heimat seit den 1970er-Jahren eigentlich der Seefischmarkt am Geomar-Kai auf dem Ostufer gewesen war. Anfang der 1990er hatte jedoch das Helmholtz-Zentrum für Meeresforschung die Liegestellen für sich beansprucht, um Platz für Forschungsschiffe mit mehr Tiefgang zu schaffen. „Daraufhin hat uns das Liegenschaftsamt gekündigt“, erinnert sich Jürgen Dollase, Vorsitzender der Schwentineflotte. „Erst Jahre später fanden wir eine Lösung.“

 Liegenschaftsamt und Verein einigten sich auf neue Plätze im Friedrichsorter Plüschowhafen – an den Gesamtkosten von rund 850000 Mark beteiligten sich damals Land, Stadt und Vereinsmitglieder zu jeweils einem Drittel. „Unser Vertrag galt eigentlich noch bis 2018“, sagt Dollase. „Vor einigen Wochen haben wir uns aber mit der Stadt auf die Nutzung der Liegeplätze bis 2034 geeinigt.“ Der Verein plant jetzt neue Renovierungsarbeiten. Die 275000 Euro Kosten werden durch Kredite und Eigenanteil über 20 Jahre finanziert.

 Flott machen will Frank Sebesse auch seine „Sölve“: 11,20 Meter lang und drei Meter breit mit durchgehender Stehhöhe. 2011 hatte er das Schiff günstig gekauft. „Wenn ich die Inneneinrichtung erstmal umgebaut habe, könnte es 25000 Euro wert sein.“ Die Kommandobrücke nutzt der Schiffsbesitzer in erster Linie als Büro. In dem 24 Quadratmeter großen Wohnbereich darunter finden sich vier Herdplatten, ein Ofen, ein Bett, ein Fernseher, jede Menge Werkzeug und Ersatzteile – Frank Sebesse fühlt sich in seinem (noch) spartanisch eingerichteten Schiff sauwohl. „Ich nutze jede freie Minute, damit es wohnlicher wird“, sagt der Servicetechniker für Apple-Computer.

 Mit dem Petroleumdampfer möchte er jederzeit lossegeln können. Die Materialien für eine kleine Solaranlage, Chemietoilette, Nasszelle und den Grau- und Frischwassertank habe er bereits an Bord. Aber warum tut sich jemand das an? Sebesse greift in seine Hosentasche, kramt seine Zigarettenschachtel heraus, zündet sich eine Kippe an und fängt langsam an zu erzählen: „Schneller und günstiger kommt man nicht an Eigentum. Ich habe immer die Möglichkeit wegzufahren, bin der Natur nah, und mir schaut keiner zum Fenster herein.“

 Bis 2008 wohnte Frank Sebesse in einer Kieler Zwei-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss. Es sei für ihn ein „beengendes Gefühl“ gewesen. „Vielleicht liegt es daran, dass meine Eltern Berufscamper waren. Sobald es die Zeit erlaubte, sind wir ans Steinhuder Meer gefahren“, sagt der gebürtige Hannoveraner. Anfang der 1990er heuerte Frank Sebesse als Dünenschutzarbeiter auf Helgoland an und wohnte direkt am Meer in einer Baracke: „Auch dort konnte ich meinen Drang nach Freiheit genießen.“

 Jürgen Dollase macht es sich derweil im „offenen Wohnzimmer“ des Hafens auf der Couch gemütlich. Es ist der soziale Treffpunkt aller Bewohner, gleich vor den Gemeinschaftscontainern. Hier kommen auch die Fischer gern mal auf einen Klönschnack vorbei. Leben, Wohnen und Arbeiten im Einklang: Einige Mitglieder der Schwentineflotte leben bereits seit 40 Jahren auf ihrem Schiff.

 In drei bis vier Jahren will Sebasse in See stechen, sein erste Ziel ist Portugal, sein zweites Irland. Aber den Liegeplatz in Kiel endgültig aufgeben? Keinesfalls! Frank Sebesse möchte auf der „Sölve“ alt werden und das nach Möglichkeit im Heimathafen Kiel.

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