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Kiel „Engpässe, die einen fast verzweifeln lassen“
Kiel „Engpässe, die einen fast verzweifeln lassen“
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07:01 12.11.2016
Von Christian Trutschel
Michelangelo leidet am Febrile Infection-Related Epilepsy Syndrome. Quelle: Privat
Kiel

In einem Gespräch den Kieler Nachrichten wehrten sich Prof. Hans-Heiner Kramer, Direktor der Klinik für Angeborene Herzfehler und Kinderkardiologie, und Prof. Ulrich Stephani, Direktor der Klinik- und Jugendmedizin II, entschieden gegen den Eindruck, sie hätten eine kaltherzige Entscheidung getroffen, als sie die Verlegung des am seltenen FIRE-Syndrom erkrankten Jungen von Berlin nach Kiel ablehnten.

 Stephani bestätigte gegenüber unserer Zeitung die international anerkannte Expertise seines Stellvertreters Andreas van Baalen für FIRES. „Wir würden angesichts dieser Expertise Michelangelo wirklich gern behandeln. Das ist doch der erste Reflex, den jeder hat“, sagte Stephani. Es sei „hochschmerzlich, aus einer Gemengelage medizinischer, medizinethischer und organisatorischer Verantwortung eine Übernahme, die wir liebend gern tun würden, abzulehnen“.

 Die medizinischen Gründe hingen dabei untrennbar mit der Knappheit von Pflegepersonal und dem bundesweiten Nachwuchsproblem in der Pflege zusammen. „2016 war diesbezüglich ein ganz fürchterliches Jahr“ sagte Kramer. „Wir hatten und haben Kapazitätsengpässe, die einen fast verzweifeln lassen.“ Nominal verfüge die Kinderintensivstation über 15 Betten, „aber wir können in diesem Jahr nie mehr als zehn Betten belegen. Wir fahren Schichten mit vier Schwestern für zehn Kinder. Dieses Kind, Michelangelo, braucht eine 1:1-Betreuung, das ist vorhersehbar, und das können wir zurzeit nicht leisten. Denn wir dürfen keine gefährliche Pflege riskieren. Das ist unsere ethische Verpflichtung den anderen Patienten und dem Pflegepersonal gegenüber.“

 33 Vollzeitkräfte seien aktuell für zehn Betten der Kinderintensivstation des UKSH in Kiel zuständig. „Um 15 zu belegen, bräuchten wir 42 Vollzeitkräfte, das ist eine unumstrittene Zahl“, sagte Kramer. Er und Stephani erklärten: „Wir haben ein maximales Problem in der Versorgung von schwerstkranken Kindern. Wir haben null Reserven.“ Also eine Notsituation? „Ja“, sagte Stephani, „wir sind in Not.“ Die Notlage, ergänzte Kramer, zwinge sie, dringend nötige Therapien für minderjährige Patienten auch aus der Region, darunter solche mit Herzkrankheiten, Leukämie und Epilepsie, so zu verschieben, dass dadurch ein hohes Risiko für diese Patienten entstehe.

 „Wenn jetzt plötzlich ein Notfall da ist, dann wird der natürlich versorgt“, betonte Stephani. Er wehrte sich gegen den Vorwurf, der Mangel an Personal sei hausgemacht oder durch die Kündigung des Gestellungsvertrages mit der DRK-Schwesternschaft Heinrich 2015 entstanden. Auch sei nicht die vom UKSH-Vorstand angestrebte schwarze Null der Grund. „Der Etat ist da, wir haben das Geld, aber nicht das Pflegepersonal. Wir würden es ja anstellen, wenn es da wäre.“ Obwohl van Baalen der erfahrenste Mediziner im Hinblick auf FIRES sei und das beste Handling dieser seltenen Erkrankung habe, „können wir nicht alle Kinder in Deutschland mit FIRES hier in Kiel behandeln. Es würden andere Kinder, die wahrscheinlich eine höhere Heilungschance haben als Michelangelo, verdrängt werden.“

 Michelangelo würde ein Intensivbett für drei bis vier Wochen brauchen. Für den Fall, dass die Therapieversuche van Baalens keinen gewünschten Erfolg brächten, und sofern das Kind weiterhin, wie aktuell, transportfähig sei, habe die Charité eine Zurücknahme des kleinen Patienten zugesagt. „Aber während er hier wäre, wäre die Zahl verfügbarer Betten für Akut-Operationen geschmälert“, so Stephani. Auf mehrfache Nachfrage erklärte er: „Ich will nicht ganz ausschließen, dass wir in den nächsten Wochen eine solche Lücke identifizieren können. Aber es sieht sehr schwierig aus. Man darf der Mutter keine falschen Hoffnungen machen.“ Es hänge davon ab, wie gut und wie schnell all die anderen schwerstkranken Kinder gesund würden.

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