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Kiel Zurück zur Natur im Kieler Wald
Kiel Zurück zur Natur im Kieler Wald
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09:00 06.04.2014
Von Christoph Jürgensen
Eine wahre Idylle: Das Gebiet rund um den Projensdorfer Erlenkampsee soll sich nach dem neuen Waldkonzept in Zukunft zu einem Naturwald entwickeln. Quelle: cjue
Kiel

Der hochaktuelle Gedanke der Nachhaltigkeit hat in der Forstwirtschaft eine lange Tradition. In den Wäldern der Landeshauptstadt ist zu sehen, was die Menschen in den letzten Jahrhunderten geplant und gepflanzt haben. 1944 hat Kiel sein erstes Waldkonzept gestartet. „Seitdem wird der Wald planmäßig und nachhaltig bewirtschaftet“, berichtete Stadtförster Stefan Bronnmann im Ortsbeirat Projensdorf.

 Insbesondere in den letzten Jahren nimmt die Bewirtschaftung des Waldes eine neue Richtung. Seit 2010 sei man mit dem Naturschutz im Gespräch mit dem Ziel, den Wald noch naturnäher zu bewirtschaften, erklärte Bronnmann. Dabei müssen die unterschiedlichsten Nutzungsinteressen in Einklang gebracht werden: Der Wald hat eine soziale Funktion als Erholungsraum für die Bürger und eine ökologische Funktion als Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Er spielt aber auch eine ökonomische Rolle: die Waldpflege kostet, der Holzverkauf erwirtschaftet Geld.

 Hundehalter, Jogger, Reiter, Pilzesucher, Jäger, Waldkindergärten, Radfahrer, Waldarbeiter – alle hätten beim Ringen um das Waldkonzept berücksichtigt werden müssen, so Bronnmann: „Nach dem neuen Konzept wollen wir den Wald künftig in erster Linie naturnah pflegen und entwickeln, um beispielsweise den Artenreichtum zu erhöhen.“ Getrennte Waldabschnitte, in denen nur Bäume eines Alters stehen, soll es nicht mehr geben. Vom Buchenkeimling bis zur mehrhundertjährigen Eiche soll sich alles auf einer Fläche wiederfinden. Ein solch stufiger Wald ist auch bei Stürmen weniger empfindlich.

 Kahlschläge von Menschenhand schließt das neue Waldkonzept aus. „Die Kieler Wälder sollen vorratsreich sein“, so der Stadtförster, „Außerdem sollen mehr Bäume ihr natürliches Höchstalter erreichen können.“ Im Stadtgebiet werden mehrere Altholzinseln ausgewiesen, wo der Wald bestehen bleibt, wie er von sich aus wächst. Das Hofholz erfüllt dafür bereits die Bedingungen. Eine weitere Naturwaldfläche ist auf rund 35 Hektar rund um den Projensdorfer Erlenkampsee geplant. Dieses in den 1920er-Jahren aufgeforstete Gebiet muss bis zur Vollendung der Altholzinsel allerdings noch 20 bis 30 Jahre wachsen. „Außerdem wollen wir über die nächten Jahrzehnte die nicht heimischen Pappeln und Nadelgehölze herausnehmen“, sagte Bronnmann.

 Von dem bewussten Nutzungsverzicht bekommt der Spaziergänger wenig mit. Die Waldwege und Straßen an den Waldrändern werden weiterhin gesichert. Doch wollen Bronnmann und seine Kollegen Totholz im Naturwald nur noch entfernen, wo es die Waldbesucher gefährdet. Der Verzicht auf den Holzeinschlag ist aber auch mit einem Verlust an Einnahmen verbunden. Sie würden von jährlich bis zu 120000 Euro auf die Hälfte reduziert, rechnete Bronnmann vor. Der Gewinn für den Wald sei jedoch umso größer, meinte der Ortsbeirat Projensdorf, der das Waldkonzept einhellig zustimmend zur Kenntnis nahm.

 Kritik hagelt es dagegen von den Naturschutzverbänden. Der Naturschutzbund Deutschland, der Bund für Umwelt und Naturschutz und die Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz hatten unter anderem die Ausweisung von gut 200 Hektar Naturwalt gefordert und sehen sich hintergegangen. Entgegen früherer Absprachen habe die Verwaltung „in einer Nacht- und Nebelaktion eine völlig andere Vorlage ausgearbeitet“.

 Laut Bürgermeister Peter Todeskino sei diese Forderung jedoch nicht umsetzbar. Der Kieler Wald erfülle dafür die Voraussetzungen nicht. Das letzte Wort hat die Ratsversammlung, die am 15. Mai über das Waldkonzept abstimmt.

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