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Amerika tickt anders

Leitartikel Amerika tickt anders

Wieder so ein 9. November. Der Schicksalstag der Deutschen wird von nun an auch mit der Wahl des 45. Präsidenten der USA verbunden sein. Jenes Mannes, der ins Weiße Haus einziehen darf trotz rüpel- und flegelhaften Verhaltens, trotz systematischer Verdrehung von Fakten, trotz schamloser Ausgrenzung von Minderheiten und offener Verachtung der politischen Klasse seines Landes.

Insofern ist dieser 9. November eine Zäsur für das demokratische Amerika. Das Fatale: Donald Trumps Sieg dürfte den Demagogen in Europa als Vorbild dienen. Der überraschende Ausgang der Wahl zeigt aber auch, wie wenig wir auf dieser Seite des Atlantiks darüber wissen, wie Amerika wirklich tickt. Unser Bild der USA ist vor allem geprägt von den multikulturellen Metropolen der Ostküste, von New York und Washington, und vom Sunshine State Kalifornien, von Hollywoodfilmen und Hochglanzpromis. Trump hat die Wahl aber in der Weite der Staaten gewonnen, in den Dörfern und Kleinstädten, bei den Weißen, bei den einfachen Leuten.

Es war für viele Deutsche ein Albtraum nach dem Aufstehen. Ist doch die politische Kultur, die Mitteleuropäer als zivilisatorische Errungenschaft schätzen und pflegen, in diesem Wahlkampf auf ein bisher nie gesehenes Niveau gesunken. Beide Protagonisten haben sich mit Schmutz überschüttet, dass es einen gruselte, Trump hat dabei fraglos am gröbsten zugelangt. Geschadet hat es ihm nicht. Im Gegenteil: Je häufiger die Medien Trump als Teufel und hässliche Fratze inszenierten, desto geschlossener standen seine Anhänger hinter ihm. Das sollte auch uns eine Lehre sein.

Zurück bleibt ein zutiefst gespaltenes Amerika, eine zerrissene Nation. Ausgerechnet Trump, der Milliardär, hat die Verlierer der globalisierten und digitalisierten Wirtschaft erfolgreich aufgewiegelt, hat die Wut der kleinen Leute auf „die da oben“ zu seiner Wut gemacht. Barack Obama hat viele in den vergangenen acht Jahren bitter enttäuscht, Hillary Clinton galt den Frustrierten als Inbegriff der verhassten Elite. Sie war eine zu schwache Kandidatin, um überzeugend dagegenzuhalten.

Das Schüren von Ressentiments, die Rückbesinnung aufs Nationale sind weltweite Phänomene, die Sehnsucht nach einer starken Hand, die die komplizierten Dinge auf einfache Weise regeln möge; der es gelingt, all das Fremde, das vermeintlich Böse vor der Tür zu halten; die gute alte Ordnung wiederherzustellen. „Make America great again“ und „America first“ – mit diesen Parolen hat Trump die Herzen erreicht und zugleich bisher gemeinsame Werte mit Füßen getreten. Da sind die Sorgen berechtigt: Was heißt „America first“ jetzt für Sicherheit und Frieden in der Welt? Für das Klima, für freien Handel? Mühsam erkämpften Fortschritt könnte dieser Präsident in Gefahr bringen.

Wohl oder übel wird Angela Merkel mit Trump kooperieren müssen. Der hat eine demokratische Wahl gewonnen, er hat wie jeder Sieger eine Chance verdient. Im Amt dürfte er rasch spüren, wie schwierig reale Politik ist, im Kongress muss auch er erst um Mehrheiten werben. Ohnehin wird spannend, ob sich die Parteifreunde nun wieder hinter Donald Trump versammeln oder ob sie weiter auf Distanz bleiben.

Meine Familie plante fürs nächste Jahr einen Sommer-Urlaub in Kalifornien, die Söhne hatten nur eine Bedingung: Trump dürfe nicht Präsident werden. Ich liebe meine Jungs auch dafür – und werde trotzdem nochmal mit ihnen reden. Amerika wird Amerika bleiben, trotz Trump. Die Vereinigten Staaten sind stark genug, auch diesen Präsidenten zu überstehen.

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Ein Artikel von
Christian Longardt
Chefredakteur

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