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Anne Gramm zum Rücktritt von Jens Böhrnsen

Kommentar Anne Gramm zum Rücktritt von Jens Böhrnsen

„Jens Böhrnsen, den erkennt doch nicht mal die eigene Familie, wenn er abends auf dem Sofa sitzt“, hatte Oliver Welke in der „Heute Show“ noch am Freitagabend gefrotzelt. Gestern aber, da guckte die Republik ganz aufmerksam nach Bremen. Denn obwohl Jens Böhrnsen an der Spitze einer rot-grünen Koalition weiterregieren könnte, und obwohl Meinungsforscher herausgefunden haben, dass die SPD ohne ihren Spitzenkandidaten noch viel mehr Stimmen verloren hätte, schmiss der 65-Jährige hin. Auf den Wählerfrust folgte der Politikerfrust.

Er übernehme Verantwortung – mit diesem Standardsatz begründete Böhrnsen seinen Rücktritt. Aber der Verdacht bleibt, dass der Bürgermeister nach zehn leidlich vernünftigen Jahren einfach die Nase voll hatte. Die finanziellen Rahmendaten zwingen sowohl ihn als auch seinen Nachfolger dazu, den Stadtstaat vor allem zu verwalten – von politischer Gestaltung ist das arme Bremen weit entfernt. Und warum, wenn jeder zweite Bremer es noch nicht einmal für nötig hielt, seine Stimme abzugeben, sollte ein Mann im Rentenalter sich das noch antun?

Das kleine Bremen könnte im Rückblick eine traurige Wegmarke sein – obwohl der Chor derer, die nun ganz bestimmt gegen die Verdrossenheit und Gleichgültigkeit der Nichtwähler kümmern wollen, gestern unüberhörbar war. Auf das Macht-doch-was-Ihr-Wollt der Wähler gab es nun ein erstes Macht-doch-was-Ihr-wollt eines Politikers. So unterhöhlt man die Demokratie.

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Ein Artikel von
Anne Gramm
stellv. Ressortleiterin Nachrichtenredaktion

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Foto: Jens Böhrnsen könnte weitermachen, will aber nicht: Nach zehn Jahren an der Regierungsspitze geht der dienstälteste Ministerpräsident Deutschlands. Er will einer Neuaufstellung seiner Bremer SPD nicht im Weg stehen.

Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen will nach der SPD-Wahlschlappe nicht mehr als Regierungschef kandidieren. „Als Spitzenkandidat der SPD übernehme ich selbstverständlich Verantwortung für das enttäuschende Wahlergebnis für meine Partei am 10. Mai 2015“, teilte er in einer Erklärung am Montag mit.

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