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Anne Gramm zur Allensbach-Studie

Leitartikel Anne Gramm zur Allensbach-Studie

Die Generation Mitte hat sich eingerichtet. Den weitaus meisten der 30- bis 59-Jährigen ist das sogar gut und mehr als gut gelungen. Was sich im Einzelfall durchaus zu einem Problem auswachsen kann, ist – ehrlich betrachtet – einfach nur lästiger Alltagskram: zu hohe Steuern, zu wenig Angebote für die Kinderbetreuung, das stete Scheitern bei dem Versuch, die von außen diktierten Verpflichtungen mit den eigenen Lebensentwürfen in Balance zu bringen... Vielleicht überrascht genau das am meisten an der neuen Allensbach-Studie: Die Deutschen wissen um ihre bevorzugte Situation, und sie gestehen es sich und anderen sogar ein, dass es ihnen zurzeit richtig prächtig geht. Die Nörgler und Miesepeter, die Zauderer und Zweifler, sie scheinen von der Bildfläche verschwunden zu sein – zumindest vorläufig.

Denn die Deutschen, auch da sind sie verblüffend ehrlich, wissen auch um die Endlichkeit von Schönwetterperioden im Allgemeinen und die Zerbrechlichkeit ihrer exponierten Lage im Besonderen. Seit Jahren rechnen uns Experten vor, dass das Rentensystem dem Ansturm der Babyboomer nicht standhalten wird, dass nicht ausreichend Köpfe da sein werden, um den Industriestandort an der Weltspitze zu halten, und nicht genügend gute Seelen, die sich der Kranken und Pflegebedürftigen annehmen. Aber das ist ja nur der eine Aspekt beim gemeinsamen Blick in die Zukunft. Den anderen tragen die Bilder der vielen tausend Flüchtlinge in unser Bewusstsein: Keine Ordnung ist von Dauer, kein gesellschaftlicher Rahmen kann nicht auseinanderbrechen, kein Frieden ist ein garantiertes Recht.

Wer sich die schrillen Debatten um die Griechenland-Krise in Erinnerung ruft, der weiß natürlich, dass die Selbstbezogenheit und diese Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität nicht aus diesem Land verschwunden sind. Aber es gibt eben auch die andere Seite dieser Republik, Menschen, die sich sonst nicht so laut zu Wort melden und jetzt beherzt anpacken. Weil das eigene Wohlergehen nun mal einen schalen Nachgeschmack hat, wenn drumherum Not herrscht.

Die Aufgabe, die sich jetzt mit jedem einzelnen Flüchtlingsschicksal stellt, wird sich uns im Nachhinein vielleicht als ein großer Neuanfang darstellen, quasi als Auftakt zu einer gesellschaftlichen Generalüberholung. Denn es stellt sich ja nicht nur die Frage, wie die vielen Fremden, die in der Bundesrepublik Zuflucht suchen, integriert werden können. Die soziale Spaltung hat ja auch Millionen andere Menschen an den Rand gedrängt.

Mit Ende 30 ahnt man es, mit Ende 50 weiß man es genau: Der neue Pullover, das große Auto, die allerexotischste Fernreise können zwar für kurze Zeit stolz, sogar glücklich machen. Aber auch die fantastischsten Neuerwerbungen reichen nicht, um in der Summe als ein gutes Leben durchzugehen.

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Ein Artikel von
Anne Gramm
stellv. Ressortleiterin Nachrichtenredaktion

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Die «Generation Mitte», das sind 35 Millionen Deutsche zwischen 30 und 59 Jahren, ist nach Umfrageergebnissen sehr zufrieden mit ihrer Lebensqualität. Von Wirtschaft und Politik erwarten sie trotzdem mehr.

Die "Generation Mitte", das sind 35 Millionen Deutsche zwischen 30 und 59 Jahren. Sie sind die Leistungsträger der Gesellschaft - und mit ihrem Leben gerade ziemlich glücklich. Zumindest die reicheren.

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