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Anne Gramm zur Shell-Studie über Jugendliche

Leitartikel Anne Gramm zur Shell-Studie über Jugendliche

Nicht, dass es nicht genug Studien gäbe, die uns genau erklären, wie wir ticken und ob wir damit komplett falsch oder richtig liegen. Alle paar Jahre – wenn die Shell-Studie erscheint – lohnt die Aufmerksamkeit aber unbedingt. Unabhängige Forscher befragen jeweils mehr als 2500 Zwölf- bis 25-Jährige und ergänzen diesen ohnehin großen Pool an Aussagen mit Dutzenden mehrstündigen Interviews.

Diese Datenbasis sucht weltweit ihresgleichen. Und was die Wissenschaftler im Jahr 2015 an Stimmungen und Erwartungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zutage förderten, ist nicht weniger als ein nachhaltiger gesellschaftlicher Wandel.

Beispiel eins: Zwar bezeichnen mehr als 90 Prozent das Verhältnis zu ihren Eltern als gut – drei von vier Befragten würden ihre eigenen Kinder genau so erziehen, wie sie selbst erzogen wurden –, und trotzdem wollen sie einiges anders machen. Die Work-Life-Balance, die in der Elterngeneration nach wie vor eher theoretisch diskutiert wird, ist für die Heranwachsenden nicht verhandelbar. Von ihren künftigen Arbeitgebern erwarten sie genügend Zeit, um sich der Familie widmen zu können. Mein Haus, mein Auto, mein Boot – die neue Generation hat offensichtlich genügend Negativbeispiele vor Augen, die den hohen Preis belegen, den materieller Wohlstand haben kann.

Beispiel zwei: Die Shell-Studie räumt mit der Mär von der unpolitischen Jugend auf. 41 Prozent beschreiben sich selbst als politisch interessiert, das sind elf Prozentpunkte mehr als zu Anfang der 2000er-Jahre. Noch spannender allerdings (und auch das lässt sich durchaus als Kritik an der mittleren Generation interpretieren, deren demokratische Teilhabe sich vielfach auf das Kreuz auf dem Wahlzettel beschränkt) ist die Tatsache, dass eine zwar kleinere, aber steigende Zahl sich auch politisch engagiert: indem die Jugendlichen bestimmte Waren boykottieren, indem sie über Online-Petitionen ihre Stimme erheben, indem sie projektgebunden in Bürgerinitiativen mitarbeiten. Die Parteien verlieren als Volksvertreter, stattdessen setzen die Jungen auf die Macht der Konsumenten und der sozialen Netzwerke – und haben damit womöglich den besseren Hebel, um Veränderungen durchzusetzen.

Alles neu, alles besser? Die Realität wird schon ihren Teil dazu beitragen, dass nicht alle Pläne gelingen. Aber: Anders als für ihre Eltern ist das globale Dorf für die Jugendlichen kein theoretisches Modell. Wer sich innerhalb der europäischen Grenzen so selbstverständlich bewegt wie die Eltern früher innerhalb Deutschlands, wer als Schüler oder Student für Monate in anderen Ländern lebt, der lernt sowohl die Ängste als auch die Hoffnungen fremder Gesellschaften kennen und verstehen. Und der packt beherzt und vor allem gemeinsam mit anderen an, wenn es darum geht, Probleme zu lösen oder Zukunftsideen umzusetzen.

Das macht Mut. Und den kann das Land gerade in dieser Zeit mehr als gut gebrauchen.

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Ein Artikel von
Anne Gramm
stellv. Ressortleiterin Nachrichtenredaktion

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