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Christian Longardt zu Merkels schwerster Prüfung

Leitartikel Christian Longardt zu Merkels schwerster Prüfung

Nein, diese griechische Regierung hat es nicht verdient, dass sich die Länder der Eurozone noch einmal mit ihr an den Verhandlungstisch setzen. Noch einmal über Milliardenhilfen sprechen, um die marode Volkswirtschaft Griechenlands über Wasser zu halten, ahnend, nein wissend, dass auch die neuen Kredite nie und nimmer zurückgezahlt würden.

Einem Alexis Tsipras, diesem Hasardeur und Volksverführer, auch nur einen Zentimeter entgegenzukommen, verlangt ein Höchstmaß an Überwindung. Dass sich Wolfgang Schäuble nach den vielen Enttäuschungen und Provokationen damit extrem schwer tut, ist nur zu verständlich. Millionen Deutsche danken dem Finanzminister für seine klare, seine unnachgiebige Haltung.

Sein Kontrahent Tsipras hat das Vertrauen in die griechische Regierung systematisch zerstört. Zuletzt durch das aberwitzige Verhalten, seine Bevölkerung erst gegen die zur Hilfe bereiten europäischen Partner aufzuhetzen, um dann nach dem Nein beim Referendum, angesichts wachsender Panik der Bürger und leer laufender Geldautomaten plötzlich einen Plan vorzulegen, der mit dem gerade noch rigoros abgelehnten Forderungskatalog der Kreditgeber nahezu identisch ist. Das ist politischer Wahnsinn, wie ihn die Europäische Union seit ihrer Gründung noch nie erleben musste.

Die Finnen, die Litauer und viele andere haben zu Recht die Nase voll von diesen Spielchen, von den Tricks und Täuschungen. Dass der deutsche Finanzminister in dieser Lage einen Grexit auf Zeit ins Spiel brachte, darf man als durchaus konstruktiven Beitrag werten. Immerhin sah er eine Rückkehr Griechenlands in die Eurozone vor. Noch einmal: Das ist mehr, als die derzeitige Regierung des bankrotten Staates verdient hat. Eine seriöse Stimme wie das Kieler Institut für Weltwirtschaft hatte vergangene Woche eine ähnliche Lösung vorgeschlagen: Die Griechen reformieren und erholen sich außerhalb der Eurozone, um eines Tages – mit reduzierter Schuldenlast und mit ehrlichen Zahlen – zurückzukehren.

Dass sich die Staats- und Regierungschefs gestern Abend überhaupt noch ernsthaft mit der Option befassten, den Griechen ein drittes Hilfsprogramm über weitere Zigmilliarden zu gewähren, ist mit ökonomischen Maßstäben nicht mehr zu erklären. Hier ging es vor allem um die politische Dimension eines Scheiterns der Operation Griechenland. In der Sache ist die vernunftgesteuerte Kanzlerin ja ganz nah bei ihrem Kassenwart Schäuble, sie trägt als Regierungschefin des wichtigsten EU-Landes aber zugleich Verantwortung dafür, dass Europa als Ganzes zusammengehalten wird. Eine Spaltung der Gemeinschaft, sei es nun politisch oder ökonomisch, muss eine deutsche Kanzlerin zu verhindern versuchen. Und dies, obwohl ihr die eigene Partei, die eigene Wählerschaft im Nacken sitzt und fordert: Nicht mit diesen Griechen, nicht noch einmal!

Dies ist die wohl schwerste Prüfung ihrer Regierungszeit. Die Rettung Griechenlands, sie ist Angela Merkels Projekt. Misslingt es, wird dies so oder so der Kanzlerin angelastet.

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Christian Longardt
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