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Christian Longardt zu Olympia in Kiel

Leitartikel Christian Longardt zu Olympia in Kiel

Man muss schon weit zurückblättern in der Chronik der Landeshauptstadt, um eine Abstimmung zu finden, die republikweit ähnlich große Bedeutung hatte wie der Bürgerentscheid am Sonntag. Ja oder nein, alles oder nichts – am Sonntag ist Showdown.

Dann steht definitiv fest, ob Hamburg und Kiel als Tandem weiter um die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2024 kämpfen. Ob das Duo bis 2017 mit Metropolen wie Paris und Los Angeles, Rom und Budapest den Wettstreit um die Gunst des IOC wird fortsetzen können. Oder ob für Deutschlands Sportler der Traum jäh endet, in neun Jahren hinter der schwarz-rot-goldenen Flagge ins Olympiastadion auf der Elbinsel Grasbrook einzumarschieren. Ein Nein, das wäre ein Fiasko für den deutschen Spitzensport.

Nun gibt es fraglos wichtigere Themen, die die Welt derzeit beschäftigen. Krieg und Terror, Flucht und Flüchtlinge, Hunger und Armut, das alles ist bedeutsamer, wer will das bestreiten? Dies aber ist gerade die Trumpfkarte, die die Olympia-Befürworter in der aktuellen Gemengelage ausspielen: Was, fragen sie mit einigem Recht, könnte denn besser zur Völkerverständigung beitragen als der faire, friedliche Wettkampf von jungen Sportlern aus allen fünf Kontinenten? Das ist und bleibt der lebendige Kern der olympischen Idee – trotz aller Kommerzialisierung, trotz des Milliardengeschäfts multinationaler Konzerne, trotz erwiesener Korruptionsfälle rund um die Vergabe der Spiele. Hinzu kommt die Faszination und Zugkraft der olympischen Tradition und ihrer Symbole: Ringe, Fackel, Flamme, das kennt weltweit jedes Kind.

Gäbe es eine Goldmedaille für Olympia-Begeisterung, Hamburg und Kiel hätten sich die Auszeichnung verdient, so oder so. In beiden Städten sind sehr viele Menschen tatsächlich Feuer und Flamme, im Hamburger Stadtpark haben Tausende die Ringe gebildet, an der Förde gab es so viele Aktionen, dass es schwer fällt, einzelne hervorzuheben. Kiel und Hamburg waren wohl selten so nah beieinander wie in den vergangenen Wochen, OB Ulf Kämpfer und Amtskollege Olaf Scholz mühten sich tagaus, tagein, Skeptiker ins Boot zu holen. Image, Investitionen, Infrastruktur, ein kräftiger Schub für die ganze Region: allerbeste Argumente – doch das Misstrauen gegenüber der Kostenkalkulation ließ sich nie ganz beseitigen.

So blieben die Finanzen bis zuletzt die Achillesferse der Kampagne. Alle Risiken inklusive Inflation eingepreist zu haben, das haben schließlich schon viele behauptet. Warum sollten ausgerechnet beim Riesenprojekt Olympia die Kosten nicht aus dem Ruder laufen, fragen die Kritiker und erreichen damit eben nicht nur die Nein-Sager von Linksaußen. Es war deshalb klug, dass die Ratsversammlung in Kiel eine Art Wiedervorlage ins Verfahren eingebaut hat: Sollten die Kosten um mehr als 25 Prozent steigen, müssen die Bürger erneut abstimmen, so ist es vereinbart. Ob diese Beruhigungspille reicht, wird man sehen. Sonntagabend, wenn ganz Deutschland in den Norden blickt.

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Christian Longardt
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