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Christian Longardt zu den Vorfällen in Sachsen

Leitartikel Christian Longardt zu den Vorfällen in Sachsen

Die Bilder aus Clausnitz haben am Wochenende ganz Deutschland schockiert. Europa hat sie gesehen, in Zeiten weltumspannender Netze leider wohl der halbe Globus. Der verängstigte, weinende Junge, der sich nicht aus dem Bus der Asylbewerber traute, weil der Mob auf der Straße tobte; die entfesselt grölende Menge, die bedrohlich ihr „Wir sind das Volk“ skandierte – für die Ausfälle in Sachsen können wir Deutschen uns nur kollektiv schämen.

Dass die mutigen Menschen in Ostdeutschland, die vor einem Vierteljahrhundert die friedliche Revolution anführten, angesichts dieses schamlosen Missbrauchs ihres Freiheitsrufes die Wut packt, ist gut zu verstehen. Gleich danach noch Bautzen. Auch der Ort ist durch das Gefängnis, in dem die Stasi Regimegegner quälte und demütigte, eng mit dem Unrechtsstaat DDR eng verbunden. Ausgerechnet hier zeigen Schaulustige nun unverhohlene Freude über ein brennendes Asylheim, das allem Anschein nach gezielt angesteckt worden ist. Ein ekelhafter Vorgang, der fatal an die rassistisch motivierten Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen Anfang der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts erinnert, wo Zuschauer Rechtsextremisten applaudierten, die vietnamesische Asylbewerber attackierten.

Nun ist man aus den neuen Bundesländern ja einiges gewohnt. Pegida hat in Sachsen seinen Ursprung, die Pöbeleien gegen Angela Merkel bei ihrem Besuch in Heidenau sind unvergessen. Als Vizekanzler Sigmar Gabriel die wütende Menge damals als Pack bezeichnete, war dies gewiss nicht die vornehmste Ausdrucksweise für den Vorsitzenden einer großen Volkspartei. Falsch lag der SPD-Chef aber nicht. Je länger die Flüchtlingskrise andauert, je häufiger sich die Kanzlerin beim Werben um eine europäische Lösung bei den EU-Partnern eine Abfuhr holt, desto höher klettern die Umfragewerte für die AfD mit ihren asylkritischen Parolen; desto stärker fühlen sich rechte Hetzer, die meinen, sie hätten die schweigende Mehrheit der Deutschen hinter sich.

Haben Sie nicht! Gerade jetzt ist es wichtig, Flagge zu zeigen, der Verrohung der Sitten mit deutlichen Worten und der Geschlossenheit aller Demokraten Einhalt zu gebieten. Ein Aufstand der Anständigen lässt sich nicht verordnen, aber es wäre wieder höchste Zeit für Lichterketten, für die Demonstration von Zigtausenden in Dresden, um den Dummköpfen von Clausnitz, Bautzen und anderswo zu zeigen, wie Deutschland wirklich fühlt und denkt. Was uns eint, unabhängig vom Meinungsstreit über Merkels Flüchtlingspolitik. Was die wahren Werte des Abendlandes sind.

„Wir sind das Volk“ – was für eine hässliche, was für eine lächerliche Karikatur der ostdeutschen Freiheitskämpfer gibt der Mob von Sachsen doch ab. Ihm sollte man mit starker Stimme und mit aller Entschlossenheit zurufen: Ihr seid gewiss nicht das Volk. Das Volk weiß, was sich gehört, was Menschenwürde ist, was Menschenrechte sind. Das Volk, das sind wir.

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Christian Longardt
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