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Christian Longardt zum Umgang mit den Flüchtlingen

Leitartikel Christian Longardt zum Umgang mit den Flüchtlingen

Der britische Politologe Anthony Glees fragte diese Woche, ob die Deutschen eigentlich den Verstand verloren hätten. Deutschland gebärde sich derzeit wie ein „Hippie-Staat“, der nur von Gefühlen geleitet werde. Statt allein dem Herzen zu folgen, sollte besser auch das Hirn benutzt werden, lautete sinngemäß der Rat des Briten.

Nun ist ja sehr die Frage, ob wir Deutschen in der Asylpolitik ausgerechnet Nachhilfe von den EU-Insulanern brauchen – es war schließlich erst das erschütternde Bild eines toten Dreijährigen, das die Regierung Cameron zum Nachdenken über ihre unnachgiebige Haltung bewegte. Doch auch in den meisten anderen Ländern Europas ist man gelinde gesagt erstaunt über die Offenheit und Herzlichkeit, mit der die deutsche Bevölkerung und inzwischen auch ihre Kanzlerin die Asylbewerber willkommen heißen.

Auch unsere Zeitung hat mit einer Plakataktion Flagge und Haltung gezeigt. Eine Initiative, die auf breite Zustimmung gestoßen ist, was nicht zuletzt das Foto mit allen Fraktionsvorsitzenden und dem Landtagspräsidenten eindrucksvoll bewiesen hat. Verschwiegen werden soll aber nicht, dass es auch Kritik an den Willkommensplakaten gibt – erst am Mittwoch kam ein Exemplar zurück, auf dem gekritzelt stand: „Schmarotzer raus aus Deutschland!“

Diese Form der Auseinandersetzung mit dem alles dominierenden Thema dieser Tage ist völlig indiskutabel. Hetze darf keinen Raum haben, und es ist gut zu wissen, dass auch im Internet immer mehr wachsame Nutzer unterwegs sind, die unter Strafe stehende Äußerungen sofort zur Anzeige bringen. Die allgegenwärtige Willkommenskultur darf aber nicht dazu führen, dass schon die vorsichtige Frage, ob die Regierungen in Bund und Land wirklich noch alles im Griff haben, als fremdenfeindlich abgekanzelt wird.

Da kommen tausend (!) Flüchtlinge an einem Tag nach Schleswig-Holstein, eine nie dagewesene Marke. Statt der angekündigten 250 sitzen plötzlich 400 Syrer im Sonderzug aus München, die Erstaufnahme in Boostedt, ursprünglich auf 500 Plätze begrenzt, soll nun doppelt so viele Asylbewerber aufnehmen, eine Bürgerinformation inklusive Ministerbesuch ist längst nicht mehr drin angesichts dieser historischen Massenzuwanderung. Schließlich ist auch die Polizei mit nie gekannten Situationen konfrontiert. Was sich in den Zügen Richtung Skandinavien, auf Fähren und grenznahen Bahnhöfen abspielt, ist blankes Chaos. Flüchtlingstrecks auf der Autobahn, das sind dramatische, vor Kurzem noch unvorstellbare Szenen. Spätestens jetzt muss man wohl sagen: Die Lage ist außer Kontrolle.

Dabei tun Behörden, Kreise und Kommunen alles, was ihnen möglich ist. Die Wohnungsbau-Initiative in der Kiel-Region ist so ein Beispiel für gesunden Pragmatismus, im Bereich der freiwilligen Flüchtlingshilfe gibt es unzählige weitere. Bei Ämtern und Ehrenamtlichen wird mit enormer Leidenschaft gearbeitet und mit großem Sachverstand. Um die Flüchtlingskrise zu meistern, braucht es eben beides, Herz und Hirn. Da hat er schon recht, der kluge Mister Glees.

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Chaos an der Grenze
Foto: 170 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und dem Irak, von denen die meisten über Lübeck nach Schweden wollten, sind von der dänischen Polizei im Fährhafen von Rødby festgesetzt worden

Chaos an der deutsch-dänischen Grenze: 170 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und dem Irak, von denen die meisten über Lübeck nach Schweden wollten, sind von der dänischen Polizei im Fährhafen von Rødby festgesetzt worden. Mittlerweile wurde einigen Flüchtlingen die Weiterreise mit einem Zug angeboten.

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