12 ° / 2 ° heiter

Navigation:
Dirk Schmaler zur VW-Affäre

Leitartikel Dirk Schmaler zur VW-Affäre

Der betont nüchterne Auftritt („Das Auto“), die Minister im Aufsichtsrat, die meist mehr als ordentlichen Tarifabschlüsse: Manch einem erschien Volkswagen schon selbst wie eine große, mächtige, aber auch wohlwollende Behörde.

Manchmal etwas langweilig und bürokratisch, dafür aber von einer derart grundsoliden DNA, dass selbst ein aufgedrehter Weltmarkt und der Anspruch, der „weltgrößte“ Autohersteller zu werden, dieses Unternehmen nicht aus der Kurve tragen könnten. Spätestens seit Dienstag ahnt man, dass dies ein Trugschluss gewesen sein könnte.

Volkswagen hat sich vom Volkstümlichen entfernt. Ist die Seriosität des größten Autobauers Europas zumindest zu einem Teil nicht mehr als eine geschickte PR-Strategie? Ist der grüne Anstrich nicht mehr als eine Marketingkampagne? Wenn es darum geht, weltweit neue Absatzmärkte zu erschließen oder alte zu verteidigen, spielen die Wolfsburger oft genug nach ihren eigenen Regeln. VW-Manager treten im Ausland nicht weniger fordernd auf als Vertreter anderer großer Konzerne aus Deutschland. Und Umweltstandards wie geringere Abgaswerte spiegelt VW lieber durch betrügerische Software im Motor vor, statt tatsächlich den Abgasausstoß zu drosseln. Elf Millionen Fahrzeuge haben die Wolfsburger mit dem Betrugsprogramm ausgerüstet. Elf Millionen Kunden wurden beim Autokauf also belogen. Mit krimineller Energie und ausgefeilter Planung haben die Wolfsburger auch die Behörden betrogen. Strafen, Schadensersatzansprüche und Absatzrückgänge werden das Geschäft noch lange belasten.

VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, der sich immer wieder gern selbst als oberster VW-Ingenieur und Technikfreak inszenierte, muss für dieses Stück deutscher Manipulationskunst in seinem Unternehmen die Verantwortung übernehmen. Eine Entschuldigung wird nicht reichen – es muss aufgeklärt werden, wer von der Betrugssoftware wusste. Der Automanager, der im Machtkampf mit Ferdinand Piëch vor einigen Wochen gerade erst die Probe seines Lebens erfolgreich überstanden hatte, droht nun ausgerechnet über sein Spezialgebiet zu stolpern: eine technische Finesse.

Man muss Unternehmen nicht mit moralischen Kategorien kommen, so wie man Moralphilosophen selten für Umsätze und Gewinne begeistern kann. Und doch ist es ein grundlegendes Problem, wenn deutsche Großunternehmen immer häufiger ethische Fragen oder auch nur gesetzliche Regeln erst zur Kenntnis nehmen, wenn die Ermittlungsbehörden vor der Tür stehen.

Korruptionsskandale bei Siemens und Daimler, Zinsmanipulationen und zwielichtige Hypothekengeschäfte bei der Deutschen Bank zeugen davon. Es wird höchste Zeit, den „Global Playern“ aus Deutschland strenger auf die Finger zu schauen, statt sich nur über Wettbewerbsfähigkeit und Umsatzrekorde zu freuen. Das würde die Kunden schützen – und letztlich auch die Konzerne selbst.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Gewinnspiele

Kostenlos mitmachen
und mit etwas Glück
jetzt gewinnen!

Veranstaltung in...

Aktuelle
Veranstaltungen
und Tagestipps!

Anzeige
Mehr zum Artikel
Katastrophe für VW
Foto: Chef Martin Winterkorn könnte durch den Skandal in den Abgrund gerissen werden.

Der Skandal um manipulierte VW-Motoren hat einen Erdrutsch ausgelöst, der Konzernchef Martin Winterkorn in den Abgrund reißen könnte. Winterkorn sei als Vorstandschef wohl nicht mehr zu halten, verlautete am Dienstag aus dem Konzernumfeld.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus KN-Kommentare 2/3