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Ein beispielloser Deal

Leitartikel Ein beispielloser Deal

Nun sind wir also das, was wir nie werden wollten: Eigentümer von 256 Schiffen, die nur noch Verluste einfahren. Aber warum sich aufregen? Dass die HSH Nordbank die Steuerzahler in Schleswig-Holstein und Hamburg teuer zu stehen kommen wird: seit Jahren bekannt.

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Wirtschaftsredakteur Ulrich Metschies.

Quelle: Ulf Dahl

Dass die Länder und ihr Sorgeninstitut bislang noch jede Wette auf eine Wende zum Besseren verloren haben: kalter Kaffee. Dass wir Steuerzahler doch so oder so für „unsere“ Bank haften müssen – ja, danke, wissen wir.

Und dennoch erhöht es den Adrenalin-Spiegel von Otto Normalverdiener, wenn zwei klamme Bundesländer durch einen historisch beispiellosen Deal in das knackig riskante Geschäft mit Schiffsfinanzierungen einsteigen. 2,4 Milliarden Euro für 256 Schiffe, von denen keines aktuell in der Lage ist, auch nur die Kosten seiner Finanzierung zu erwirtschaften – das ist viel, viel Geld. Geld, das ein kirchenmaus-armes Bundesland in Bildung und gute Verkehrswege investieren sollte und nicht in Schiffsraum, der irgendwo auf den Weltmeeren vor sich hin dümpelt.

Das Ganze ist Irrsinn, keine Frage. Und dieser Irrsinn wird auch dadurch nicht leichter erträglich, dass es nirgendwo eine Alternative gibt, die den Albtraum beenden könnte, ohne dabei weniger irrsinnig zu erscheinen. Erst nach der Einnahme leistungsstarker Sedativa gewinnt der Gedanke Raum, dass sich durch diese Entlastungsoperation das Haftungsrisiko für den Steuerzahler in seiner Höhe tatsächlich nicht verändert. Wohl aber in seiner Nähe: Dass die Länder als Eigentümer für ihre Bank geradestehen müssen, zeigt sich nun nicht länger in Gestalt einer Zehn-Milliarden-Garantie, an die wir uns aufgrund ihrer scheinbaren Abstraktheit gewöhnt haben – wie ein HIV-Infizierter sich an eine Krankheit gewöhnen kann, die erst in weiter Ferne ausbricht, mit Glück vielleicht sogar niemals.

Nun jedoch ist unser Risiko physisch fassbar geworden: schwimmender Stahl, Diesel-Geruch, Schiffsbesatzungen aus Fleisch und Blut, die auf Aufträge warten,während sie die Motoren und Ruderanlagen ihrer Frachter mit Platz für bis zu 8000 Container vor dem Einrosten bewahren. Spätestens jetzt ist klar: Das Desaster dieser Bank, die durch eine Mischung aus Größenwahn und dilettantischem Risikomanagement im Strudel der Finanzkrise fast unterging, ist nicht mehr virtuell, sondern ganz handfest spürbar. Denn mit dem Verkauf der Schiffe an die ländereigene Abwicklungsanstalt entsteht der HSH ein Verlust von 2,6 Milliarden Euro, dessen Ausgleich sich nicht mehr durch ein abenteuerliches Rettungskonstrukt in die Zukunft verlagern lässt, sondern für den die beiden Länder-Anstalten der Bank zeitnah richtig Geld überweisen müssen.

Wie seit 2009 üblich, läuft die Rettungsaktion auch diesmal ab, ohne schmerzhafte Spuren im Landesetat zu hinterlassen. Doch irgendwann müssen sie aufgelöst werden, die Schattenhaushalte, die zur Rettung der Bank eingerichtet wurden. Es wird noch lange dauern, bis dieser Schlussstrich gezogen wird. Doch der Tag der Wahrheit wird kommen.

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Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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