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Kiel war wie ein Traum

Gastbeitrag von Fadi Shalhoub Kiel war wie ein Traum

Der Himmel bleibt dunkel, ohne Sterne, wenn man im Leben keine Hoffnung mehr hat. Ich hatte diese Hoffnung in meinem Land und für mein Land verloren. Der tägliche Krieg in Syrien, das Bombardement macht nicht nur Angst, sondern auch taub. Für mich als Journalist war es noch schwieriger, weil ich von jeder Seite bedrängt wurde, die jeweils gewünschte Meinung zu vertreten.

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Fadi Shalhoub (31), Journalist aus Syrien, mit seiner Frau Heba (31) und dem sieben Monate alten Sohn Suheil. Fadi Shalhoub arbeitete in Damaskus für verschiedene Fernsehsender als Reporter und Moderator.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Im Falle der Verweigerung drohte man mir, das Leben meiner Familie sei in Gefahr. Meine Frau war schwanger, die Angst wurde immer größer. Nach reiflicher Überlegung beschlossen wir, dass ich zunächst allein die gefährliche Flucht versuche.

 Ich floh über den Libanon, die Türkei und Griechenland. 39 Stunden ohne Essen, Trinken und Bewegung in einer engen Lkw-Schlafkabine. Dann Todesangst auf dem Mittelmeer, als unser Boot bei stürmischer See einen Motorschaden hatte. Und schließlich Deutschland. Am 8. Januar 2015 bin ich in Neumünster im Flüchtlingsheim angekommen. An diesen Moment erinnere ich mich besonders. Ich schaute in den Himmel und atmete tief gegen meine Müdigkeit ein. Der Himmel war so dunkel, so dass keine Sterne zu sehen waren.

 Der Wachmann nahm meine Dokumente, auch die Berufspapiere, sagte mir aber dann, dass er zunächst nur den Ausweis braucht. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich erst einmal der Flüchtling bin und nicht mehr der Journalist. Journalismus war so weit entfernt wie die Sterne. Der Wachmann führte mich und andere in ein Zimmer. Ich holte aus meiner kleinen schwarzen Tasche die wenigen Sachen heraus, die ich mitgenommen hatte, einen Schal, eine Mütze, ein Bild von meiner Frau, den Rest des Geldes nach Bezahlung der Schleuser, das waren noch 30 Euro, und die Dokumente.

 Das war alles, was ich hatte, und natürlich die Kleidung, die ich am Körper trug. Alles war genug für die 20 Tage, die ich im Flüchtlingsheim verbrachte, bis sie uns nach Kiel brachten in ein kleines Hotel.

 Kiel war wie ein Traum, die klare See, das Wasser ohne die Farbe des Blutes. Frische Luft ohne den Geruch des Todes. Das Schreien der Möwen und nicht die Geräusche explodierender Bomben. Trotzdem wusste ich in diesem Moment auch, dass noch ein langer Weg zu gehen ist, denn nun fing die Wartezeit an für die Erteilung der Aufenthaltsgenehmigung und die Familienzusammenführung. Die Dokumente zu erhalten, ohne die Sprache zu können, empfand ich als schwierigste Hürde, denn wir saßen im Hotel, ohne Kontakt zu anderen Menschen, mit Formularen, die wir nicht verstanden.

 Zufällig hörte ich von der Möglichkeit, in den Rendsburger Hof zu ziehen, ein Flüchtlingsheim. Endlich traf ich dort eine Person, die mir die Dokumente erklären konnte. Ich lernte viele Deutsche kennen, die dort regelmäßig ehrenamtlich tätig waren, Deutschunterricht erteilten und jedwede Hilfe anboten.

 Mir gaben als Christ aber auch die vielen Besuche in der Kirche St. Gabriel Trost. Die Gebete in deutscher Sprache erschienen mir ganz fremd, aber egal, denn die anderen Kirchenbesucher, die ich bei diesen Gelegenheiten traf, waren alle sehr nett. Im Laufe der Zeit entwickelten sich viele Freundschaften, nicht nur in der Gemeinde, sondern auch im Rendsburger Hof.

 Vor allem möchte ich die Freundschaft zu Michael hervorheben, der zwar mehr als doppelt so alt ist wie ich, aber für mich den Eindruck machte, als ob er jugendlicher ist als ich selbst – wegen seiner Lebendigkeit. Mit ihm und seinem Sohn Michael Alan lernte ich Kiel besser kennen, den Strand, die Universität, viele Plätze und natürlich auch einen wesentlichen Teil deutscher Kultur. Gila und Helga von der Gemeinde halfen mir, eine Wohnung zu bekommen, und gleichzeitig erhielt ich meine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Ich wusste, ich hatte einen großen Schritt gemacht. Die Hoffnung kam wieder zurück, eines Tages in meinem Beruf als Journalist arbeiten zu können. Das Gefühl der Freude war allerdings nicht komplett, weil im Mai mein Sohn Suheil in Syrien geboren wurde und ich nicht bei meiner Frau und ihm sein konnte. Diese Nacht war wieder sehr dunkel.

 Kurze Zeit später bekam ich bei der VHS einen Platz im Deutschkursus. Der Anfang war sehr schwer, aber ich nahm die Herausforderung an. Durch die Fortschritte lernte ich, das Leben in Deutschland und die Gesetze besser zu verstehen, um dann mit Hilfe von Pastorin Charlotte Hartwig endlich meine Familie nach Deutschland holen zu können. Am 23. September nahm ich meinen Sohn das erste Mal in den Arm. Diesen Tag werde ich nie vergessen.

 Umso mehr habe ich mich auf das Erlernen der Sprache konzentriert, mit dem Ziel, wieder als Journalist arbeiten zu können. Wegen der deutschen Freundschaften und Hilfe besonders von Erica, Pastorin Hartwig, Helga, Gila, Constanze, Michael und Michael jr. konnte ich mein Leben positiver gestalten und nun diesen Artikel schreiben. Meine Familie und ich schauen heute in den Himmel und können wieder nach den Sternen greifen.

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