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Gerhard Müller zu Jichas Abgang

Kommentar Gerhard Müller zu Jichas Abgang

Filip Jicha saß am Dienstag im Flieger nach Barcelona, da hatte er auch schon auf der Homepage des THW Kiel einen Abflug gemacht. Das Gesicht der Zebras war auf der Startseite durch Niklas Landin ersetzt. So schnell kann’s gehen. Dieser Abschied bedeutet für den deutschen Handball-Rekordmeister eine Zäsur.

Jicha war nach dem Rücktritt von Marcus Ahlm 2013 nicht nur der Kapitän des THW, er stand als Identifikationsfigur auch in der Tradition anderer prägender Weltklassespieler wie Magnus Wislander, Staffan Olsson und Stefan Lövgren. Es war eine duale Identifikation: Von Seiten der Fans und von Jicha, der den THW als Handballer und als Mensch ideal repräsentierte.

Den Tschechen unterscheidet von den vier Schweden jedoch etwas Entscheidendes: Für Wislander & Co. kam nach dem THW nichts mehr, Jicha sieht im fortgeschrittenen Alter von 33 Jahren seine Zukunft bei einem anderen Top-Klub. Dafür mag es gewichtige finanzielle Gründe geben, aber dieser Wechsel zeigt auch, dass der THW in Europa nicht mehr die erste Adresse ist. In Barcelona, Paris und Veszprem spielen mittlerweile so viele Ex-Zebras, dass Fans im Norden wehmütig werden können.

Jicha hat sich professionell vom THW und Kiel verabschiedet, obwohl er zuletzt die Wertschätzung etwas vermisste. Das wiederum hat auch mit Wertschöpfung zu tun. Fakt ist, dass der deutsche Serienmeister im Wettstreit um Top-Spieler zurzeit nicht mit den drei genannten finanzkräftigen Vereinen konkurrieren kann. Mit Mikkel Hansen, den Alfred Gislason gerne in seinem Kader gesehen hätte, ist zwar gesprochen worden, doch der dänische Superstar verdient im Land des Weltmeisters zu gut. Der THW dagegen leidet als nationaler Branchenführer unter dem Ruf seiner Sportart. Absurde WM-Nominierungen der zu schwachen Nationalmannschaften durch den Weltverband IHF zählen ebenso dazu wie die allmählich kabarettreife Suche nach einem neuen DHB-Präsidenten. Wer sich hinter Überflieger Fußball im Kampf um TV-Zeiten und Sponsoren positionieren will, muss sich anders präsentieren.

Nicht nur vor diesem Hintergrund stellt sich in der deutschen Handball-Hauptstadt die Frage nach der Zukunft. Der THW hat keinen neuen Hauptsponsor gefunden, die Provinzial blieb auf der Trikotbrust, obwohl sie das Honorar beträchtlich reduzierte. Obwohl dieses Minus dank anderer Unternehmen kompensiert worden sein soll, ist die aufstrebende KSV Holstein mit ihrer vorbildlichen Partner-Pflege zu einem ernsthaften Mitbewerber geworden. Auch vor diesem Hintergrund ist es richtig, den sportlichen Verlust Jichas mit dem Schmerzensgeld von 750 000 Euro plus X in Kauf zu nehmen.

Und nun? Nach Ahlms Karriereende begann der „Riesen-Umbruch“ (Gislason), den Jichas Abgang kurz vor Saisonbeginn zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt erschwert. Welcher Zauber diesem Neuanfang innewohnt, muss sich erst noch erweisen. Gut zu wissen, dass der Kader immer noch große Klasse ist – und mit Trainer Gislason eine verlässliche Größe gerade den Vertrag bis 2019 verlängert hat.

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Gerhard Müller
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Foto: Dieses Foto könnte 2016 in Köln entstehen: Filip Jicha im Trikot des FC Barcelona mit dem Champions-League-Pokal.

Am 27. Juli hatte Filip Jicha in einem denkwürdigen Interview mit den Kieler Nachrichten („Ich bitte den THW, mich zu verkaufen“) seinen aktuellen Arbeitgeber um die Freigabe für den FC Barcelona gebeten.

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