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Gerhard Müller zum Erfolg des DFB-Teams

Leitartikel Gerhard Müller zum Erfolg des DFB-Teams

Die Welt ist in Unordnung. Unschuldige sterben bei Selbstmordattentaten, das Klima spielt verrückt, und in England glaubt die Generation der Rentner, dass ihr Land eine bessere Zukunft besitzt, wenn es Europa den Rücken kehrt. Währenddessen wird in Frankreich Fußball gespielt, bislang, von anfänglichen Fan-Scharmützeln abgesehen, relativ friedfertig. Gott sei Dank.

Es scheint eine andere Welt zu sein, geprägt von großer Fairness und ausgelassener Freude. Und man fragt sich, was die Welt vom Fußball womöglich lernen könnte.

 Am Sonnabend verfolgten mehr als 28 Millionen Bundesbürger zu Hause oder beim Public Viewing das Viertelfinal-Drama der deutschen Auswahlkicker gegen Italien. Einer von ihnen war Markus Söder, ein bayrischer Politiker, der gerne mal seinen Chef Horst Seehofer beerben würde. Söder twitterte kurz nach dem nervenaufreibenden Strafstoßstechen, Mesut Özil solle nie mehr einen Elfer schießen. Mal abgesehen davon, dass er seine bayrischen Landsleute Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller, die ebenfalls vom Punkt scheiterten, außer Acht ließ: Es war ein Eigentor, denn gefühlt näherte sich dieser Tweet, den Söder nach Kritik schnell änderte, dem Strafraum der Peinlichkeiten. Özil hat türkische Wurzeln, und da war doch gerade mal was mit einem Nationalspieler, den angeblich viele Leute nicht als Nachbarn wünschten. Nur gut, dass Jerôme Boateng nach seiner Kurzschlusshandlung vor dem 1:1 später im Elfmeterschießen die Nerven behielt. Nicht auszumalen, wie Fehlgesteuerte aus dem rechten Lager den Verteidiger mit ghanaischen Wurzeln zum Sündenbock für den deutschen EM-K.o. gestempelt hätten.

 Das Viertelfinale, der wiederbelebte Klassiker der beiden vierfachen Weltmeister, bot nicht nur Drama, es bot auch eine Blaupause für unsere Gesellschaft. Vor dem Anpfiff war zu sehen, wie sich die sportlichen Rivalen herzlich begrüßten. Man kennt sich, man spielt gemeinsam bei Vereinen oder in Ligen. Gut, dass es im Fußball offene Grenzen gibt, das fördert Verständigung und Verständnis.

 Die Taktik von Joachim Löw, in der Defensive auf eine Dreierkette zu setzen, wurde zwar schnell kontrovers diskutiert, aber sie war erfolgreich. Der Bundestrainer stärkte die Mitte, womit den Italienern aus dem Spiel kein Treffer gelang. Eine starke Mitte tut jeder Demokratie gut, an ihr prallen Angriffe von rechts oder links außen leichter ab. Die deutsche Nationalelf steht zudem nicht nur für gelungene Integration, sondern auch für Teamgeist. Zum WM-Triumph 2014 am Zuckerhut trugen auch die Ersatzspieler bei, die ihr Ego zurückstellten, damit die Gruppe funktioniert. Daran sollten jene politische Hinterbänkler denken, die glauben, sie könnten sich vorlaut profilieren.

 Und was sagen uns die Tränen des italienischen Torhüters Gianluigi Buffon? Auch Männer sollten Gefühle zeigen. Oder, wie Goethe es einmal formulierte: Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll.

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