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Jörg Kallmeyer zu den ehrenamtlichen Helfern

Leitartikel Jörg Kallmeyer zu den ehrenamtlichen Helfern

Selten zuvor haben sich die Politiker so tief vor den Bürgern verneigt wie in dieser Woche. Die Kanzlerin lobte die Menschen, die zu den Bahnhöfen geeilt sind, als die Flüchtlingszüge ankamen. Die applaudiert haben und die Decken, Wasser und Obst mitbrachten. Für den EU-Kommissionspräsidenten haben die freiwilligen Helfer in der Not sogar den Ruf Europas gerettet.

Selten zuvor war diese Verneigung der Politik so angebracht wie in diesen Tagen. Die vielbeschworene Bürgergesellschaft war der Politik in der Flüchtlingskrise einen Schritt voraus. Viele Deutsche, so scheint es, haben die Notwendigkeiten, die von der aktuellen Fluchtwelle ausgehen, früher erkannt und vor allem auch akzeptiert als die Verantwortlichen in den Parlamenten und Behörden. Als sich die Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen noch sträubten und ums Geld stritten, hatten Bürger die Sache schon in die Hand genommen.

In vielen Notunterkünften läuft ohne die ehrenamtlichen Helfer nicht viel. Die Vereine, die Feuerwehr und die Nachbarschaften sorgen dafür, dass die Aufnahme in einem menschlichen Rahmen geschieht. Wenn es darum geht, die Flüchtlinge zu integrieren, wird sich der Staat auf die Ehrenamtlichen verlassen können. So wie er es in vielen anderen Bereichen schon kann. In Deutschland engagieren sich mehr als 23 Millionen Menschen freiwillig – in Bürgerinitiativen, Sportvereinen, sozialen Organisationen oder Kirchengemeinden. Diejenigen von ihnen, die Bundespräsident Joachim Gauck am Freitagabend zum Bürgerfest eingeladen hatte, können gestärkt wieder nach Hause gehen: Ohne sie geht es nicht. Ohne Millionen Menschen, die sich aus Idealismus für die Solidargemeinschaft einsetzen, würde dieser Staat nicht funktionieren.

Auch das Ehrenamt aber hat Grenzen. Was ist, wenn der Winter kommt, und die erste Euphorie verflogen ist? Die staatlichen Institutionen müssen aufpassen, ihre freiwilligen Helfer nicht zu überfordern.

Berlin hat ein Instrument in der Hand, das bislang stiefmütterlich behandelt wurde: Der Bundesfreiwilligendienst, der den früheren Zivildienst ersetzt hat, ist eine wunderbare Möglichkeit, Freiwillige über einen längeren Zeitraum verlässlich einzubinden und ihnen zugleich mehr zu bieten als nur ein Schulterklopfen. Junge Leute, die nach der Schule etwas ausprobieren wollen, können dies in gesichertem Rahmen tun – mit einem Taschengeld, Einzahlungen in die Rentenkassen und mit einem Pluspunkt für das spätere Bewerbungsschreiben. Ältere Leute, die noch einmal eine Herausforderung suchen, können sie im Freiwilligendienst finden, ohne ganz auf einen Ausgleich zu verzichten.

Der Bund hat den Freiwilligendienst für die Flüchtlingskrise bislang nur zaghaft aufgestockt. Zu zaghaft. Dies zu ändern wäre sinnvoller, als über die Verpflichtung von Langzeitarbeitslosen zu debattieren. Denn auch in diesem Fall gilt: Um Menschen kümmern sich diejenigen am besten, die es freiwillig und damit gern tun.

Von Jörg Kallmeyer

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