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Klaus Kramer zum Thema Sterbehilfe

Leitartikel Klaus Kramer zum Thema Sterbehilfe

Das Recht des Menschen auf Selbstbestimmung gilt im Leben wie im Sterben. Ausdruck dieses Grundsatzes ist die Patientenverfügung. Mit einer solchen Vorausverfügung können Menschen lebensverlängernde Maßnahmen ablehnen. Der Franzose Vincent Lambert hatte aber keine Patientenverfügung verfasst, bevor er vor acht Jahren mit dem Motorrad schwer verunglückte. Seitdem liegt er im Wachkoma. Seine Frau sagt, er hätte keine Verlängerung seines Lebens gewollt, die Eltern und Geschwister behaupten das Gegenteil.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat mit seinem Urteil ein Abschalten der Magensonde erlaubt, mit der Lambert künstlich ernährt wird. Das Gericht lässt eine passive Sterbehilfe zu, ohne dass der erklärte Wille des Patienten vorliegt. Dieses Urteil wird die Debatte über die Sterbehilfe in Deutschland anheizen. Ob die Richter die Selbstbestimmung des Menschen gestärkt haben, ist aber fraglich.

Angst vor Schmerzen oder Atemnot, Angst vor einem langen Sterbeprozess und die Angst, Angehörigen zur Last zu fallen, sind die in Umfragen am meisten genannten Gründe für den ärztlich assistierten Suizid. Die erste Angst ist in den meisten Fällen unbegründet: Unter schweren Schmerzen muss in Deutschland zum Glück kaum ein Patient sterben.

Die Angst vor einem langen Sterben geht oft einher mit dem verbreiteten Tabu, über das eigene Ende nachzudenken. Dies ist letztlich eine Flucht vor dem Ich. Sie mag demjenigen gelingen, der vom Blitz getroffen oder vom Dachziegel erschlagen wird. Für die meisten Menschen gehört das bewusste Sterben jedoch zum Leben wie Kindheit, Jugend und das Altern. Das Sterben ist eine Phase, in der sich unser Leben vollendet. Alte oder schwerkranke Menschen, deren Kräfte schwinden, erfahren diesen Übergang vom Leben in den Tod oft sehr bewusst. Die meisten ertragen ihn aus freien Stücken. Aus der Selbstbestimmung des Lebens wird dann die Selbsthingabe in den Tod. Statt das Sterben durch die Hand von Angehörigen herbeizuführen, wird das Sterben an ihrer Hand zu Ende gelebt. Ist das nicht mehr Selbstbestimmung als im Fall der Sterbehilfe?

Die Angst, anderen zur Last zu fallen, dürfte durch legalisierte Sterbehilfe noch befördert werden. Denn wer will noch weiterleben in dem Glauben, eine Zumutung für andere zu sein, wenn die Sterbehilfe zur gesellschaftlichen Norm wird? Kranke und Alte müssten ihren Willen weiterzuleben rechtfertigen. Das verlangt großes Selbstbewusstsein in einer Lebensphase, in der das Ich aus den Fugen zu geraten droht. Und das soll Ausdruck von Freiheit sein? Das soll die Selbstbestimmung stärken?

Was ist Selbstbestimmung, was Freiheit? Das ist die zentrale Frage in der Debatte um die Sterbehilfe. Anzuerkennen, dass das Leben letztlich nicht in unserer Hand liegt, hinzunehmen, dass das Sterben zum Leben gehört – das könnte die Angst vor dem Sterben nehmen. Frei von Angst ließe sich entspannter über die Sterbehilfe reden, vielleicht mit dem Ergebnis, dass es gar keiner neuen gesetzlichen Regelung bedarf.

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Klaus Kramer
Chefredakteur / Ressortleiter Nachrichten

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Menschenrechte
Lambert liegt nach einem Verkehrsunfall vor sieben Jahren im Wachkoma.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat die Sterbehilfe für den querschnittsgelähmten Vincent Lambert in Frankreich gebilligt. Die Entscheidung des obersten französischen Verwaltungsgerichts, die künstliche Ernährung des Wachkoma-Patienten Lambert zu beenden, sei kein Verstoß gegen das Recht auf Leben der Europäischen Menschenrechtskonvention, befand die Mehrheit der 17 Richter des EGMR Freitag in Straßburg.

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