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Klaus Kramer zur Zukunft der Linken

Leitartikel Klaus Kramer zur Zukunft der Linken

Die Linke ist keine Partei, sie ist zwei Parteien: eine realpolitische Fast-Volkspartei im Osten und eine sektiererische Gruppe im Westen. Gregor Gysi hat es dennoch verstanden, die Linke wie eine Partei aussehen zu lassen. Das war eine Schimäre, ein Hirngespinst, aber man hörte ihm trotzdem gerne zu, denn kein Politiker kann die Wirklichkeit auf so unterhaltsame Weise verdrehen wie er.

Gysis mögliche Nachfolger, der durch und durch sozialdemokratisierte Dietmar Bartsch und die verhinderte Revolutionärin Sahra Wagenknecht, sind die personifizierten zwei Seiten der Linken. Sie werden größte Mühe haben, den Laden zusammenzuhalten – wenn sie das überhaupt wollen. Der Linken in Deutschland wäre ohnehin zu wünschen, dass Gysis politischer Nachlass möglichst schnell aufgeteilt wird. Ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Einheit sollte im Osten die Nostalgie der Realität weichen und die Ramelow-Bartsch-Partei in der Sozialdemokratie aufgehen. Dort ist ihre politische Heimat, da gehört sie hin.

Für zwei sozialdemokratische Parteien ist in der bundesrepublikanischen politischen Landschaft auf Dauer offensichtlich kein Platz. Darunter leidet im Osten die SPD mehr als die Linke. Sie vor allem muss ein Interesse an der politischen Vereinigung haben. Das gilt nicht für das westliche Anhängsel der ehemaligen PDS. Mit dem Wagenknecht-Flügel der Linken ist kein Staat zu machen; das weiß auch die SPD. Die Ablehnung des Leistungsprinzips und der individuellen Verantwortung, die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen und der „Umfairteilung“ dürften in der SPD nicht mehrheitsfähig werden. Solange Gysi diesen Unsinn in Talkshows vertrat, war dies als nettes Gedankenspiel noch salonfähig. Wagenknecht und die anderen kommunistischen Plattformer verderben dem breiten Publikum mit ihrer Verbissenheit den Spaß an solchen steilen Thesen. Sie werden absehbar wohl in der außerparlamentarischen Protestbewegung ihre Heimat finden. Da gehören sie hin.

Die Linke steht nach Gysis angekündigtem Abgang als Fraktionschef vor einer schweren Zukunft. Die personellen und ideologischen Kämpfe, die sich die Partei in den vergangenen Jahren geleistet hat, konnte Gysi mit seinen redegewandten Clownerien notdürftig überdecken. Ohne ihn fehlt der Partei nicht nur das prominente Aushängeschild auf Bundesebene, sondern auch die integrative Kraft, die die Linke in Ost und West zusammenhalten kann.

Die Schimäre ist eigentlich ein Mischwesen der griechischen Mythologie. Homer beschreibt sie als feuerspeiendes Ungeheuer, das vorne wie ein Löwe, in der Mitte wie eine Ziege und hinten wie eine Schlange aussieht. Poseidon soll das geflügelte Pferd Pegasos geschickt haben, um das gefährliche Wesen aus der Luft zu attackieren. In der Sage besiegt Pegasos die Schimäre mit einem Speer. In der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts ist noch offen, ob sich SPD und Linke gegenseitig zugrunde richten oder ob sie sich verbrüdern. Im besten Fall bleibt eine linke Volkspartei erhalten.

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Klaus Kramer
Chefredakteur / Ressortleiter Nachrichten

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Gegenspieler: Als Favoriten für die Gysi-Nachfolge gelten Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht.

Die Linke will nach der Rücktrittsankündigung ihres Bundestags-Fraktionschefs Gregor Gysi schnell über die Nachfolge entscheiden. Parteichef Bernd Riexinger kündigte an, dass es dazu am Montag nächster Woche eine Sitzung des geschäftsführenden Parteivorstands geben wird.

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