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Bodo Stade zum Schiffbruch für Olympia

Kommentar Bodo Stade zum Schiffbruch für Olympia

Dabei sein ist alles bei den Olympischen Spielen. Oder wie es Pierre de Coubertin formulierte: Ziel sei nicht der Sieg, sondern die Teilnahme. Nach einem für die Olympia-Fans grausamen Wahlabend steht fest: Kiel wird nicht dabei sein, weil Hamburg nicht dabei sein will. Das Rennen um die Spiele 2024 ist jäh beendet, noch bevor es überhaupt richtig begonnen hat.

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Bodo Stade ist stellvertretender Chefredakteur der Kieler Nachrichten.

Quelle: Kieler Nachrichten

Kiel. So knapp die Entscheidung auch gewesen ist – das Nein aus Hamburg ist unendlich bitter für Kiel. Als in der Hamburger Wirtschaft vor gut zwei Jahren die ersten Forderungen nach einer Bewerbung laut wurden, fielen sie in der Welthauptstadt des Segelns sofort auf fruchtbaren Boden. Kiel witterte die historische Chance, zum dritten Mal Olympia-Standort für die internationale Segler-Elite zu werden, setzte alles daran, sich als Partner zu empfehlen, und feierte den Zuschlag als stünde die Eröffnung der Spiele bereits vor der Tür.

 Das Kieler Ergebnis mochte gestern Abend keiner mehr bejubeln. Doch es spricht für sich. In der Landeshauptstadt gab zwar nur jeder dritte Stimmberechtigte sein Votum ab. Und auch hier gab es Kritik, die sich an der Frage der Finanzierung festmachte. Doch die Grundstimmung und die am Ende deutliche Mehrheit pro Olympia zeigen es: Kiel wollte die Spiele, Kiel hätte sie gemeistert.

 Was also ist schief gelaufen in der stolzen Hansestadt Hamburg? War es die bis zuletzt offene Frage, wie viele der 11,2 Milliarden Euro der Bund übernehmen will? War es die nach den Pariser Anschlägen erwachte Angst vor dem Terror? Oder die schlichte Erkenntnis, dass Hamburg, oder besser: dass Deutschland angesichts der weltweiten Krisen, der Hunderttausenden von Flüchtlingen, die bei uns eine Heimat suchen, und der vielen ungelösten sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen eigentlich ganz andere – wichtigere – Probleme hat?

 Es wird eine Mischung aus allem gewesen sein. Denn die mehr als 300000 Hamburger, die am Sonntag die Olympischen Spiele in Deutschland verhindert haben, können nicht allein aus der Gruppe notorischer Nein-Sager oder Nolympia-Aktivisten kommen. Da dürften auch viele gestandene Hanseaten dabei gewesen sein, die sich vielleicht nicht zu Unrecht gefragt haben, wie eine Stadt, die nicht einmal beim Bau einer Philharmonie an der Elbe die Kosten im Griff hat, gleich einen ganzen olympischen Stadtteil auf die Beine stellen will. Das Nein zu Olympia ist auch ein Misstrauensvotum für Bürgermeister Olaf Scholz und seinen Senat.

 Scholz wird das wegstecken können. Das Deutsche Olympische Komitee steht dagegen vor einem Scherbenhaufen. Nachdem bereits 2012 die Winterspiele in München am Einspruch der Bürger scheiterten, ist nun auch der Traum von Sommerspielen geplatzt. Klar ist, dass sich Deutschland nach diesem Fiasko in den nächsten Jahrzehnten gar nicht mehr bewerben braucht. Warum sollte es das auch tun? Der negative Ausgang der Entscheide zeigt: Die Bedenken bei vielen Bürgern sind offenbar größer als die Begeisterungsfähigkeit für die olympische Idee. Dass daran immer weniger glauben, liegt aber nicht daran, dass sie falsch sind, sondern daran, dass die Sportfunktionäre sie nicht mehr vermitteln können. Es mag ungerecht sein, das Internationale Olympische Komitee mit dem Weltfußballverband zu vergleichen. Aber Korruption und Kommerzialisierung im internationalen Sport haben auch den Glanz der olympischen Medaillen zum Verblassen gebracht.

 Und was bleibt nun übrig von den schönen Kieler Visualisierungen, von den großen Plänen für Schilksee? Die Olympia-Fans an der Förde werden sich nach dem unverschuldeten Schiffbruch erst einmal berappeln müssen. Im Rückblick auf die vergangenen Wochen könnten sie dann feststellen, dass die Stadt auf ziemlich beeindruckende Weise gezeigt hat, wie dicht sie zusammengerückt ist und wie kampagnenfähig sie sein kann. Das klingt wie ein schwacher Trost. Das darf aber auch Mut machen. Kiel kann tatsächlich ganz schön selbstbewusst sein. Viele hätten das gar nicht gedacht. Wenn alle Fähnchen und Broschüren eingesammelt sind, darf dann auch wieder nach vorn geschaut werden. Auch in Zukunft soll vor Kiel erstklassig gesegelt werden. Schilksee muss auch ohne Olympia für für die Zukunft gemacht werden. Der Kurs, den die Stadt eingeschlagen hat, darf gern gehalten werden – auch wenn der olympische Rückenwind etwas fehlen wird.

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Bodo Stade
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