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Heike Stüben zur Altersarmut

Kommentar Heike Stüben zur Altersarmut

Altersarmut ist ein Märchen. Das zumindest ist mit schöner Regelmäßigkeit zu lesen und zu hören. Als Beweis wird das steigenden Einkommen und Vermögen der deutschen Rentner angeführt. Ja, es gab noch nie eine so vermögende Rentnergeneration wie die heutige. Aber eine absolute Zahl allein weckt ebenso ein falsches Bild wie ein statistischer Durchschnittswert. Denn auch durch diese Generation geht ein tiefer Riss.

Auf der einen Seite ist da eine beträchtliche Zahl vermögender Rentner und Ruheständler – auf der anderen Seite eine wachsende Gruppe derjenigen, die unterhalb der Armutsschwelle leben und Angst davor haben, dass etwas Unvorhergesehenes passiert, dass das Budget nicht mehr reicht und nur noch der Gang zur Tafel bleibt. Das ist – nicht nur in Kiel – die Lebenswirklichkeit der Generation 65plus: Bundesweit sind nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes 2,3 Millionen im Rentenalter arm.

Natürlich sind die Ursachen vielfältig und individuell sehr unterschiedlich. Es sind viele Frauen, die wegen der Kinder auf Ausbildung und Berufstätigkeit verzichtet haben und danach oft nur für die Haushaltskasse, nicht aber für ihre eigenen Rente gearbeitet haben. Aber Altersarmut ist nicht mehr nur ein Frauenproblem, wie es noch in den 1980er-Jahren der Fall war. In Kiel sind inzwischen 41 Prozent der Rentner, die Grundsicherung bekommen, Männer. Tendenz seit Jahren steigend. Ein Grund dafür sind die veränderten Erwerbsbiografien, die von Arbeitslosigkeit unterbrochen wurden und immer häufiger in Niedriglohnjobs oder gar Minijobs und auch in die Erwerbsunfähigkeit führten. Aber das ist es nicht allein.

Das belegt eine Berechnung der Deutschen Rentenversicherung. Danach ist die Kaufkraft einer Rente, die 1959 genau 100 Euro betragen hat, bis zum Jahr 1991 auf 240 Euro angestiegen. Doch seither geht es abwärts: 2013 lag die Kaufkraft nur noch auf dem Niveau von 1983. Die Rentenreformen in diesem Jahrtausend verstärken den Sinkflug des Lebensstandards. Das eherne Gesetz, dass man von der Rente leben kann, wenn man 45 Jahre für einen Durchschnittslohn geackert hat – es gilt nicht mehr.

Wer noch von seiner Rente im Alter leben will, der muss lange arbeiten und deutlich über dem Durchschnitt verdienen. Besser noch sehr gut. Denn dann kann er auch wie gefordert eine private Altersversorgung aufbauen. Nur wie sollen jene vorsorgen, bei denen der Verdienst gerade für den täglichen Unterhalt reicht? All jene können sich schon einmal darauf einstellen, dass sie im Rentenalter auf staatliche Stütze angewiesen sein werden. Es sei denn, dass die Politik die Rentenreformen zurückdreht. Nach einer Studie von deutscher Rentenversicherung und DGB wäre das möglich. Noch.

Solange das nicht ansteht, sollte man verinnerlichen: Jeder, jede muss vom ersten Berufstag an für die eigene Altersversorgung sorgen. Jede Unterbrechung, jede Teilzeit, vor allem jeder Minijob bringt einen (noch) näher an die Altersarmut. Für die Lust auf Kinder ist das verheerend.

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Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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Kiel
Foto: Fast 2900 Senioren, davon 59 Prozent Frauen, bekommen zurzeit Grundsicherung im Alter.

Armut in Kiel – das ist nicht nur das Problem einer bestimmten Altersgruppe. Aber bei den Senioren wächst das Problem besonders stark. Zurzeit ist etwa jeder 16. Kieler über 65 Jahre betroffen – 2025 wird es bereits jeder Elfte sein. Der zuständige Stadtrat Gerwin Stöcken hält die Altersarmut deshalb nach der Kinderarmut für eines der zentralen Probleme der Zukunft.

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