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Marina Kormbaki zur Balkan-Krise

Kommentar Marina Kormbaki zur Balkan-Krise

Pulverfass Balkan – seit mehr als hundert Jahren lastet diese unrühmliche Zuschreibung auf dem Südosten Europas. Beinah schon wie ein Fluch, der die Menschen dort immer wieder heimsucht. Ein Pulverfass, das immer wieder in die Luft geht. Auch jetzt wieder. Nur ist es diesmal keine Explosion der Gewalt, die die Region erschüttert, kein Kriegsausbruch.

Sondern ein Aufbruch, ein Exodus: Zu Zehntausenden verlassen Kosovaren, Bosnier, Serben und Mazedonier ihre Heimatländer. Es gehen diejenigen, ohne die kein Staat zu machen ist: die Jungen, die Gebildeten, die Zupackenden. Und es gehen diejenigen, die nichts mehr zu erwarten haben in den von Korruption und Clanwirtschaft gelähmten Staaten des Westbalkans, kein Almosen und schon gar kein Mitleid: die Roma.

Auswanderung funktioniert in schwierigen Zeiten wie ein Ventil: Sie nimmt Druck raus aus dem Krisenkessel, mildert die Folgen von Arbeitslosigkeit und sozialen Spannungen. Jedenfalls solange die Ausgewanderten in der Ferne bleiben, dort Jobs haben und Geld schicken an die Daheimgebliebenen. Einem Gutteil der auf Asyl hoffenden Balkanemigranten ist ein Leben in der Diaspora jedoch verwehrt. Sie werden zurückgeschickt. Man ahnt, welche Folgen dies zum Beispiel im Kosovo haben kann, wo jeder Zweite unter 25 ist, wo es kein Geld zu verdienen gibt, außer man ist mit Politik befasst, mit Heroin- oder Frauenhandel. Was das Pulverfass Balkan zurzeit erlebt, ist eine Explosion in Zeitlupe.

Der Massenexodus aus dem Balkan wirft unangenehme Fragen auf. Wie konnte die Entwicklung der Nachfolgestaaten Jugoslawiens trotz der beispiellos hohen Zuwendungen aus Brüssel und Washington so dermaßen schief laufen? Zweifellos haben die Europäer viele Fehler gemacht, haben allzu leichtfertig den Versprechen lokaler Eliten Glauben geschenkt oder waren, leider kein Einzelfall, selbst in dubiose Geschäfte verwickelt.

Die mafiösen Strukturen sind ein wichtiger Grund für den Niedergang. Sie allein erklären jedoch nicht die massenhafte Auswanderung. Grund sind auch der Fall der Rohstoffpreise, in dessen Folge Minen reihenweise schließen mussten, und die Euro-Krise. Es waren vor allem griechische Banken, die sich im Westbalkan engagierten und nun pleite sind. Jetzt sinken die Staatseinnahmen, die Arbeitslosigkeit steigt. Dem drohenden Staatsbankrott versuchen die Regierungen durch Kürzungen im ohnehin mickrigen Sozialbudget zu entkommen, was vor allem Roma trifft.

Die Lage auf dem Balkan ist eine Gefahr für den Frieden in ganz Europa. Berlin weiß das. Daher hat Deutschland die Führung in der europäischen Westbalkan-Politik übernommen. Doch mit Regierungskonsultationen allein ist es nicht getan. Nötig sind Investitionen in Infrastruktur. Autobahnen, Telekommunikationsleitungen und Pipelines sind die Voraussetzung für die Anbindung des Balkans an europäische Standards. Der Rückstand darf nicht größer werden.

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