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Michael Kluth zum Umgang mit der Flüchtlingsaufnahme

Kommentar Michael Kluth zum Umgang mit der Flüchtlingsaufnahme

Im Grunde könnte ein Foto diesen Leitartikel ersetzen. Es zeigt 627 Flüchtlinge im Mittelmeer dichtgedrängt unter einem Tarnnetz an Deck des Kieler Tenders „Werra“ und war am vergangenen Donnerstag groß auf der Seite 1 dieser Zeitung zu sehen. Das Foto dokumentiert eindrucksvoll die Not und Hilfebedürftigkeit von Menschen, die aus Elend und Bedrohung in ihrer Heimat fliehen.

Ja, diese Menschen brauchen unsere Hilfe.

Wir müssen sie aufnehmen, gern herzlich, in jedem Fall ordnungsgemäß. Dazu gehört eine geregelte Erstaufnahme. In Schleswig-Holstein reicht dafür die zentrale Einrichtung des Landes in der vormaligen Scholtz-Kaserne in Neumünster nicht mehr aus. Deshalb hat eine zweite Erstaufnahmeeinrichtung im benachbarten Boostedt weitgehend unauffällig ihren Betrieb aufgenommen. Und deshalb sieht das Land weitere Erstaufnahmen in Kiel, Lübeck und Flensburg vor. In allen drei Städten werben die Verantwortlichen gerade um Verständnis und sorgen für umfassende Information der Anlieger. Mit unterschiedlichem Erfolg.

Im Audimax der Flensburger Hochschulen haben der Bürgermeister und der Projektleiter gerade die Nachbarn über die geplante Erstaufnahmeeinrichtung in unmittelbarer Nähe informiert. „In ruhiger und konstruktiver Atmosphäre“, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet. Der Bericht endet mit dem Satz: „Kritische Fragen aus dem Publikum gab es nicht, stattdessen wurde nach weiterer Unterstützung der Flüchtlinge gefragt und auch angeboten.“ Wow! Das ist wunderbar.

In Lübeck agiert eine Bürgerinitiative gegen die geplante Erstaufnahmeeinrichtung am Bornkamp. Mit Erfolg. Gerade hat die Lübecker Bürgerschaft, das Parlament der Stadt, es rundweg abgelehnt, das Gelände dafür ans Land zu verkaufen. Die Abgeordneten sollten sich schämen. Sie haben das politische Klima geschaffen, in dem ein oder mehrere Täter sich ermuntert fühlten, kurz darauf in Lübeck-Kücknitz eine im Bau befindliche Flüchtlingsunterkunft anzuzünden. Pfui Teufel.

Das Gegenteil von Flensburg ist Lübeck.

Kiel scheint derzeit zwischen diesen beiden Polen zu liegen. Bei der Informationsveranstaltung am vergangenen Dienstagabend in einem fast vollbesetzten Hörsaal der Christian-Albrechts-Universität wurde erstmals lautstark Widerstand gegen die vorgesehene Erstaufnahmeeinrichtung am benachbarten Bremerskamp artikuliert. Die Wogen gingen hoch und beruhigten sich auch wieder. Der Sozialdezernent Gerwin Stöcken hat das argumentative Dreieck definiert, das die Flüchtlingsaufnahme zwingend macht: „Wir haben die Verpflichtung, den Auftrag und die Möglichkeit, solche Menschen in großer Not bei uns aufzunehmen.“ Danke! Das ist ein großartiger Satz. Stöcken hat ihn entschlossen ergänzt: „Das werden wir auch tun.“

Noch ist nicht ausgemacht, ob das in Kiel so friedlich und verständig gelingen wird wie absehbar in Flensburg. Oder ob es so kaltherzig und feindselig misslingt wie in Lübeck. Die Kielerinnen und Kieler haben es in der Hand.

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Ein Artikel von
Michael Kluth
Ressortleiter Sportredaktion

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Flüchtlinge in Kiel
Foto: Aus Eritrea und Syrien stammen diese Männer. Damit die Flüchtlinge etwas zu tun haben, wurden mit Hilfe der Gruppe „Willkommenskultur in Elmschenhagen“ unter anderem Gemüsebeete angelegt.

Immer mehr Menschen flüchten vor Krieg und Terror aus ihren Heimatländern und suchen Zuflucht in Deutschland. Auch in Kiel wächst die Zahl der Asylbewerber. In Wohncontainern am Ellerbeker Weg 120 haben 60 Männer vorübergehend ein Zuhause gefunden – in der Hoffnung auf ein besseres Leben und mit großer Unterstützung aus dem Stadtteil.

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