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Ruth Bender zum Literaturnobelpreis

Kommentar Ruth Bender zum Literaturnobelpreis

Dass sich der Literaturnobelpreis unmittelbar am Puls der Zeit bewegt, lässt sich nicht immer sagen von der Jury, die alljährlich in Stockholm über die millionenschwere Auszeichnung entscheidet.

Häufig stehen die Altgedienten der Literaturwelt auf dem Plan, denen für ein umfassendes Lebenswerk gehuldigt wird. Oder sie lenkt den Blick auf Außenseiter vom – aus westlicher Sicht – Rand der Welt wie Derek Walcott oder Chinua Achebe, die schlagartig den eurozentrischen Blick erweitern. Hin und wieder ist auch ein knödelnder Poet dabei ...

 Kazuo Ishiguro passt in keine dieser Kategorien. Und in der Reihe derer, die von Philip Roth über Margaret Atwood bis Haruki Murakami immer neu diskutiert werden, kam der Engländer mit japanischen Wurzeln nie vor. Eine gute Wahl ist er trotz oder gerade deswegen. Ishiguro hat ein Gefühl für Irritation und Isolierung, er schafft es, den Zustand der Gesellschaft feinsinnig in die Geschichten seiner Protagonisten hinein zu weben („Was vom Tage übrig blieb“). Er nutzt populäre Genres, entwirft verstörende Dystopien, in denen Menschen als Ersatzteillager für eine privilegierte Kaste gezüchtet werden („Alles was wir geben mussten“) oder verpackt Überlegungen zum Nationalismus im Fantasy-Roman („Der begrabene Riese“). Und stets beweist er sich als eleganter Stilist.

 Er lege den Abgrund unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt bloß, so die Jury in ihrer Begründung. Das passt ganz gut in eine Zeit, in der eine zusehends verunsicherte Welt mit ihren Werten hadert.

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Literaturnobelpreis
Der Literaturnobelpreis 2017 geht an Kazuo Ishiguro.

Eine schöne Überraschung: Der britische Autor Kazuo Ishiguro erhält den Literaturnobelpreis. Der eigentlich klassische Geschichtenerzähler sprengt mit seinem jüngsten Buch ganz offen Gattungsgrenzen – das gefällt.

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