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Thomas Geyer zum Fall der falschen Lehrerin

Kommentar Thomas Geyer zum Fall der falschen Lehrerin

An der Schule jahrelang mit gefälschten Zeugnissen durchgemogelt, den Unterricht geschwänzt, Klassenarbeiten verschwinden lassen, wochen- und monatelang krank gefeiert – solche Klischees verortete man bisher eher in Pennäler-Klamotten à la „Hurra die Schule brennt!“. Doch hier geht es nicht um Schülerstreiche, sondern um gerichtlich festgestellte Straftaten einer in der DDR ausgebildeten Diplomlehrerin, die sich mithilfe eines ganzen Arsenals gefälschter Urkunden und Behördenstempel mehr als 20 Jahre lang im Schuldienst des wiedervereinigten Deutschland halten konnte.

Ein halbes Leben in Lüge, das mit der Wende begann: Drei Monate vor dem Fall der Mauer hatte die gelernte Krankenschwester als Seiteneinsteigerin ihre Wunschausbildung abgeschlossen. Schlagartig war ihr „Befriedigend“ in marxistisch-leninistischer Staatsbürgerkunde keine Westmark mehr wert. Das muss man der Betrügerin zugutehalten. Und hatten Walter Ulbricht und Erich Honecker ihre sozialistischen Brüder und Schwestern nicht ein Leben lang vor den verbrecherischen Methoden des Kapitalismus gewarnt?

Das entschuldigt nichts, erklärt aber vielleicht die Quelle krimineller Energie, aus der sich die Überlebensstrategie der Hochstaplerin speiste. Seitdem die falsche Lehrerin aufflog, verfolgt die gesamte Bildungsrepublik ihren Absturz von der pädagogischen Bühne. Ob man über den in seiner Dimension wohl einmaligen Fall eher schmunzeln mag oder doch lieber die Stirn runzelt – jeder ehemalige Schüler fragt sich: Wie war es möglich, dass sich unsere so klar geregelte, auf Nachweise fixierte Leistungsgesellschaft derartig täuschen lassen konnte? Die Antwort liegt wohl auch im Glauben an die Unfehlbarkeit des Systems: Kaum ein Schulleiter oder Ministerialbeamter konnte sich vorstellen, dass sich hinter einer verbeamteten Kollegin eine Blenderin verbarg. Erschreckend ist die Erkenntnis, dass die wiederholt aufgefallene Inkompetenz der „Lehrerin“ trotz Beschwerden von Schülern und Eltern keine ernsten Zweifel an ihrer Ausbildung weckte. Sind fachliche Mängel von Lehrern schon so normal, dass sie im Kollegium schicksalhaft geduldet werden?

Fassungslos macht schließlich, dass die Betrügerin schon Anfang der Neunziger Jahre aufflog, dies aber ohne Konsequenzen blieb. Das Land Mecklenburg-Vorpommern gab damals der Hochstaplerin den Laufpass. Und ließ sie ungehindert in drei Nachbarländern weiterwursteln. Sogar als die falsche Lehrerin im Jahr 2013 wieder zurückkehrte, musste erst ein Signal aus Kiel die Schweriner Schulaufsicht wecken. „Die Sicherheitsvorkehrungen haben versagt“, gab die falsche Lehrerin gestern in ihrem Schlusswort zu bedenken. Mit dieser Lektion traf sie ins Schwarze.

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Prozess in Kiel
Foto: Im Prozess gegen eine falsche Lehrerin, die jahrelang mit gefälschten Zeugnissen unterrichtet haben soll, haben Staatsanwaltschaft und Verteidigung vor dem Amtsgericht Kiel am Mittwoch Bewährungsstrafen gefordert.

Mehr als 20 Jahre lang narrte sie Schüler und Eltern, Kollegen und Vorgesetzte sowie die Schulaufsicht in den Bildungsministerien von vier Bundesländern. Am Mittwoch zog das Kieler Amtsgericht mit der Verurteilung zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe einen Schlussstrich unter die beispiellose Karriere der falschen Lehrerin (50) aus Wismar.

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